Ein Fachwerk-Gefühl entwickeln

Das Haus, vor dem sie stehen, ist alt. Sehr alt. Eine Bäckerei war dort mal, das verrät die Brezel über dem Torrundbogen. 1573 wurde das Haus gebaut, an der Ecke von Wolperstraße und Petersilienwasser im Herzen der Einbecker Altstadt. 447 Jahre sind seitdem vergangen. Gute Zeiten hat das mächtige, verzierte Fachwerkgebäude gesehen. Und weniger gute. Wie heute. Seit Jahren steht es leer. Und ist in vielen Bereichen entkernt. Aber die Bausubstanz lässt eine Zukunft zu. Ob heutige Neubauten das in 500 Jahren auch mal von sich sagen können? Seit einigen Wochen hat das „Wolpeterhaus“, das sich im Privatbesitz befindet, Paten: mehrere Jugendliche, die sich um „ihr“ Haus kümmern.

Noch hat die Brezel ihre Goldfarbe, an anderen Holzstellen ist die Farbe bereits von den Jugendlichen mühevoll abgetragen worden. Foto: Frank Bertram

Das Projekt „Fachwerk-Paten“ von „Young Art“ und Denkmalaktivistin Patricia M. Keil baut auf einem Schulprojekt auf, das vor eineinhalb Jahren im Fachwerk-Fünfeck Kindern und Jugendlichen ein Gefühl für Fachwerk vermitteln wollte. „Fachwerk allumfassend“ hieß der Tag, an dem die jungen Leute neben Theorie einen vor allem praktischen Zugang zu der Baukultur erhalten haben, die Städte wie Einbeck seit Jahrhunderten prägt. Fachwerk-Schnitzereien sind außerdem so etwas wie Street Art vergangener Zeiten, weshalb Patricia M. Keil schnell zu begeistern war, anzupacken und jungen Menschen diese Technik und ein Fachwerk-Gefühl zu vermitteln. Damit diese eine Zukunft haben.

Ein Sack voller alter Lehmsteine. Die Steine können noch einmal verwendet werden. Foto: Frank Bertram

Jetzt haben die Achtklässler den Fön in der Hand und tragen unter Heißluft die Farbreste vom Holz ab. Mühsam ist das. Und dauert. Ein großer Sack voller alter Lehmsteine liegt vor dem Haus, die Steine sollen in einem Erdgeschoss-Zimmer gestapelt werden, damit man sie später einmal verwenden kann. Die vier bilden mit Patrica Keil schnell eine Kette und schaffen so in wenigen Minuten die Steine hinein. Es sind praktische Erfahrungen wie diese, die den Jugendlichen gefallen. „Die alten Techniken, wie die Leute das früher gemacht haben, die interessieren mich“, sagt beispielsweise Dominik. „Als Patricia bei uns in der Klasse war und das Projekt vorgestellt hat, war ich gleich begeistert und wollte das machen.“ Mit seinen Klassenkameraden Lennert, Karina, Merle und Emma aus der 8a der Goetheschule ist Dominik zum „Fachwerk-Paten“ geworden. Einmal, manchmal auch zwei Mal pro Woche kümmern sie sich um das „Wolpeterhaus“ und lernen praktisch dazu.

Bereits beim Schulprojekt konnten die Jugendlichen Lehmsteine selbst formen und aufmauern, ein Weidengeflecht errichten und mit Lehm verputzen oder Holznägel herstellen. Für diese praktischen Arbeiten kommt demnächst beispielsweise „Mr. Schnitz“ aus Berlin zu Besuch. Tipps und Unterstützung gibt’s außerdem von heimischen Handwerkern wie den Malermeistern David und Joachim Dörge oder Tischlermeister Michael Neugebauer und anderen Fachleuten, die die alten Handwerkstechniken noch beherrschen. Auch die kommunale Denkmalpflegerin Krimhild Fricke hat bei den „Fachwerk-Paten“ schon vorbei geschaut und die Jugendlichen in ihrem Tun den Rücken gestärkt.

Patricia M. Keil wünscht sich, dass die Schüler bis zu ihrem Abitur mit ihr am Haus arbeiten. „Handwerk macht glücklich“, sagt sie. Dass die Schüler schon jetzt eine emotionale Bindung zu dem Fachwerkhaus haben, zeigen Ideen, wie das Gebäude mal genutzt werden könnte: Ein Treffpunkt könnte entstehen, ein Haus der Fachwerks.

Die „Fachwerk-Paten“ treffen sich immer dienstags am Nachmittag für ein paar Stunden. Wer mitmachen möchte, kann einfach dazu kommen und fragen.

Die Fachwerk-Paten (v.l.) Dominik, Karina, Merle und Emma vor dem Wolpeterhaus mit Denkmalaktivistin Patricia M. Keil. Foto: Frank Bertram