Neue „Erzählspuren“ in PS-Speicher-Ausstellung: „Frau ans Steuer“ und „Der grüne Faden“

Bertha Benz, Sophie Opel, Clärenore Stinnes, Jutta Kleinschmidt oder Heidi Hetzer – die Geschichte der individuellen Mobilität ist schon immer auch weiblich. Dem trägt der Einbecker PS-Speicher in seiner Ausstellung nun mit einer neuen Erzählspur durch die Räume und einer speziellen Führung stärker Rechnung: „Frau ans Steuer“ informiert über den weiblichen Beitrag zur motorisierten Mobilität in den vergangenen 200 Jahren. Konzipiert hat das neue Thema Insa Klapproth. Die einstige Praktikantin im Einbecker Oldtimermuseum studiert mittlerweile Geschichte an der Universität Göttingen. Und eine weitere Erzählspur hat der PS-Speicher jetzt außerdem offiziell eröffnet: Bei „Der grüne Faden“ informieren in jedem Saal Informationstafeln aus recycletem Kunststoff über ökologische Aspekte der Fahrzeuggeschichte. Dieses Thema hat Cäcilia Plata in ihrem mittlerweile abgeschlossenen Museumsvolontariat erarbeitet.

„Frauen ans Steuer“ in einer „Göttin“, dem Citroën DS: Cäcilia Plata (l.) und Insa Klapproth mit dem im Fonds sitzenden Tiddo Bresters, Präsident des Oldtimer-Weltverbands FIVA (Fédération Internationale des Véhicules Anciens). Foto: Frank Bertram

Beide Neuheiten, die wesentlich von den 760 Mitglieder starken Förderfreunden des PS-Speichers finanziert worden sind, sollten eigentlich schon früher an den Start gehen, sagte PS-Speicher-Geschäftsführer Lothar Meyer-Mertel. Aber Pandemie-Pausen und Lieferschwierigkeiten beim Material der Infotafeln bremsten die Museumsmacher bislang aus. Dabei liegen laut Meyer-Mertel die Themen ja sprichwörtlich auf der Straße: Frauen verursachen weniger Verkehrsunfälle und sind auch seltener in der Flensburger Verkehrssünderdatei registriert. Ab Sommer soll es außerdem nun noch Workshops für Schulen zu ökologischen Aspekten geben sowie eine Materialstation, an der Besucher verschiedene Werkstoffe, mit denen Autos gebaut werden, sowie deren Recycling-Eigenschaften anfassbar werden.

Logo von „Frau ans Steuer“.

Für die Führung „Frau ans Steuer“ gibt es keine speziellen neuen Exponate, sie verknüpft die ohnehin vorhandenen Motorräder oder Autos und erzählt die wechselnden Geschlechterrollen im Laufe der Mobilitätsgeschichte, erläutert Insa Klapproth. Die Besucher erfahren etwa, ab wann es erst als „schicklich“ für Frauen galt, Motorrad zu fahren oder welche Abenteuer-Weltreise Clärenore Stinnes 1927 als Industriellentochter unternahm. Die Führung erzählt unter anderem auch, dass in New York um 1900 die ersten Elektroautos als „Frauenautos“ galten, weil mit diesen „sauber“ gefahren werden konnte und sich keine Frau die Hände an einem Verbrennermotor schmutzig machen musste.

Insa Klapproth hat bei ihren Recherchen für die Führung zudem herausgefunden, dass der Rückspiegel oder die Scheibenwischanlagen an Fahrzeugen von Frauen erfunden worden sind. „Frau ans Steuer“ schildert ferner, dass Frauen wie Sophie Opel entscheidend für den Start einer Autoproduktion bei Opel waren – ihr bekannterer Mann Adam wollte von Autos nicht viel wissen.

Insa Klapproth an einer herausziehbaren Infotafel der Erzählspur „Frau ans Steuer“. Foto: Frank Bertram

Bei der offiziellen Eröffnung der neuen Angebote im PS-Speicher war auch Tiddo Bresters dabei, der Präsident des Oldtimer-Weltverbands FIVA (Fédération Internationale des Véhicules Anciens). Das war zwar eher zufällig, weil der Niederländer auf der Durchreise vom VW-Veteranentreffen in Hessisch Oldendorf am Wochenende auf der Durchreise zum nächsten Geschäftstermin in Münster war. Er lernte unfreiwillig die Werkstattkünste des PS-Speichers kennen. Denn zehn Kilometer vor Einbeck blieb er mit seinem VW-Oldtimer liegen, der PS-Speicher konnte den Präsidenten aber schnell wieder mobil machen. Bresters steuerte bei der offiziellen Eröffnungsveranstaltung vor Mitgliedern des Fördervereins als Anekdote seine erste weibliche Erfahrung mit Autos bei: Vor genau 50 Jahren habe er seine Führerscheinprüfung abgelegt, und seine zehn Fahrstunden für 50 Euro, die habe er bei einer Fahrlehrerin absolviert. Der Präsident des Oldtimerverbandes konnte aus den Händen von Geschäftsführer Lothar Meyer-Mertel die Beitrittserklärung des Einbecker Oldtimermuseums in Empfang nehmen: auf dem Nachdruck einer Stukenbrok-Postkarte aus Einbeck. Bresters hoffte, dass bei den nächsten Vorstandswahlen in seinem Verband im Herbst mehr als ein von neun Mitgliedern weiblich sein werde.

Auf die neuen Infotafeln „Der grüne Faden“ im PS-Speicher weisen Bodenmarkierungen hin. An diesen Infostationen geht es beispielsweise um die Erfindung des Katalysators, aber auch um die Pläne für eine autogerechte Stadt im Hannover der Nachkriegszeit mit ihren Hochstraßen. Besucher erfahren, dass es Umweltprobleme bereits vor der Verbreitung des Automobils gab. Mitte des 19. Jahrhunderts zu Zeiten der Pferde-Kutschen ächzten Metropolen wie London unter Tonnen von Pferdemist, berichtet Cäcilia Plata. Am Ende habe das Automobil diese Probleme des Pferdeverkehrs gelöst – und mit Abgasen neue geschaffen.

Bodenmarkierungen weisen den Weg zu den Infotafeln von „Der grüne Faden“, die Cäcilia Plata (links) hier erläutert. Foto: Frank Bertram
Insa Klapproth und Cäcilia Plata diskutierten mit Museumspädagoge Ingo Weidig (r.) und Pressesprecher Stephan Richter. Foto: Frank Bertram

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