Neuer Elitespeicher in Betrieb: KWS plant mit „Phytopathologiezentrum“ schon nächste Millionen-Investition

(c) Foto: Frank Bertram

Nach der mit 51 Millionen Euro bislang größten Einzelinvestition am Standort Einbeck für den so genannten Elitespeicher hat der Saatgutspezialist KWS bereits das nächste Projekt im Auge: An der Grimsehlstraße neben dem bestehenden Gewächshauskomplex Leo soll bis 2027 auf rund 4600 Quadratmetern ein neues, zweigeschossiges „Phytopathologiezentrum” entstehen, in dem Pflanzenkrankheiten erforscht werden. Der Bauantrag für diese Investition in Höhe von mehr als 20 Millionen Euro ist bereits eingereicht, noch in diesem Jahr soll Baubeginn sein.

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Elitespeicher mit Team: Voluminösen Baukörper acht Meter in den Altendorfer Berg hineingebaut. Foto: Frank Bertram

Weil chemischer Pflanzenschutz bei gleichzeitig durch den Klimawandel steigendem Schädlings- und Krankheitsdruck reduziert werden soll, gewinnt die Erforschung der Pflanzengesundheit in der Züchtung zunehmend an Bedeutung. „Nur wenn wir die Infektionswege und Krankheiten unserer Nutzpflanzen kennen, kann unsere Resistenzzüchtung erfolgreich sein“, erläutert KWS-Vorstandssprecher Dr. Felix Büchting. Und weil dabei beispielsweise Blattläuse oder Insekten ins Spiel kommen, könne man diese Arbeiten am Besten unter kontrollierten Bedingungen durchführen. Für die Forschungsarbeiten für die weltweiten Märkte von KWS im neuen „Phytopathologiezentrum“ werde das Unternehmen weitere Wissenschaftler einstellen, kündigt Büchting an. „Der Standort bleibt das Herz von KWS, Einbeck ist und bleibt das Hauptquartier für Forschung und Entwicklung.“ Aktuell beschäftigt KWS in Einbeck insgesamt rund 1900 Mitarbeiter, investiert jährlich 20 Prozent des Umsatzes (rund 330 Millionen Euro) in Forschung und Entwicklung.

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Im Elitespeicher gibt es ein großes Palettenlager. (c) KWS

KWS hat an der Otto-Hahn-Straße am östlichen Stadtrand von Einbeck seine neue Anlage zur Aufbereitung und Lagerung von hochwertigem Zuchtmaterial nun vollständig in Betrieb genommen. Sie ersetzt den seit 1950 betriebenen bisherigen Elitespeicher. Bereits im Sommer habe man die erste Kampagne für Saatgut im neuen Speicher fahren können, der Zeitplan sei „absolut kritisch“ gewesen, weil für die Aufbereitung nach der Ernte nur ein enges Zeitfenster bleibe und im laufenden Betrieb umgezogen werden musste, erzählt Felix Büchting. „Es musste viel improvisiert werden, aber ist am Ende gelungen“, freut sich der KWS-Chef. „Ein Meisterwerk.“

Was in dem gerne auch „Schatzkammer“ genannten Gebäude passiert, ist ein wesentlicher Bestandteil des Unternehmenswertes. Der Elitespeicher bietet auf einem rund 18.000 Quadratmeter großen Grundstück auf einer Grundfläche von 13.690 Quadratmetern Platz für rund 1,3 Millionen Saatgutpartien von Zuckerrübe, Futterrübe, Raps, Zwischenfrüchten und Erbse. Das Investitionsvolumen für den Neubau beträgt 51 Millionen Euro, ein zweistelliger Millionenbetrag kommt dabei allein durch 300 neue Maschinen zusammen. „Genetische Vielfalt ist die Grundlage für die Züchtung leistungsfähiger Sorten“, sagt Büchting. Immer wieder neue Kombinationen bzw. Kreuzungen aus gleichem Ursprungsmaterial durchführen zu können, sei elementar für die Züchtung neuer Sorten. „Mit dem neuen Elitespeicher stärken wir einen zentralen Teil unserer Produktentwicklung, denn er ermöglicht uns, deutlich mehr Zuchtmaterial aufzubereiten und für unsere Züchter bereitzuhalten”, erläutert der Vorstandssprecher.

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Platz für 70.000 solcher Boxen mit wie hier beispielsweise Zuckerrübensaatgut bietet der neue KWS-Elitespeicher, zeigt Jonas Wielert, Leiter Forschung und Entwicklung Saatgut-Aufbereitung in Einbeck. Foto: Frank Bertram

KWS hatte im Jahr 2022 nach drei Jahren interner und zwei Jahren externer Planung mit dem Bau des Gebäudes im nordöstlichen Teil des Firmengeländes an der Otto-Hahn-Straße begonnen und sich acht Meter in den Hang gegraben, um das jetzt von Platanen umwachsene Gebäude weniger voluminös erscheinen zu lassen. In den zurückliegenden Monaten wurde die Anlage durch das neu formierte Team – bestehend aus 50 festen Mitarbeitern und bis zu 80 Saisonkräften – schrittweise in Betrieb genommen. „Ein Projekt dieser Größenordnung bringt vielseitige Herausforderungen mit sich. Ich bedanke mich bei allen Kollegen und Partnern, die mit ihrem Engagement zu einer erfolgreichen Umsetzung beigetragen haben”, sagt KWS-Projektleiter Chris Preuß. Gearbeitet wird im Elitespeicher rund um die Uhr im Schichtbetrieb.

Zur Ausstattung des Neubaus gehören unter anderem ein so genanntes Tablarlager mit 70.000 Lagerplätzen (im alten Elitespeicher gab es 30.000 Plätze, davon die Hälfte ungekühlt) sowie ein großes Palettenlager. Um Lagerschädlinge zu vermeiden, herrschen konstante Temperaturen von 6 bis 8 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von 30 Prozent. Neben der Lagerung dient der Elitespeicher auch als Produktionskomplex: Bevor das aus ganz Europa angelieferte Pflanzenmaterial seinen Weg in die Lager findet, durchläuft es zunächst einen Aufbereitungsprozess, in dem es unter anderem getrocknet, von Fremdmaterial befreit, gereinigt und nach Größe sortiert wird. Im neuen Elitespeicher finden alle diese Schritte zentral auf einer Ebene statt, was effizientere Abläufe ermöglicht. Fordert ein Züchter Saatgut für Versuche an, wird dieses vor dem Versand in einem weiteren Arbeitsschritt „ausgestattet“, das heißt zum Beispiel mit einer Schutzhülle, Farbe oder Pflanzenschutz versehen.

Besonderen Wert habe man beim Bau auf Nachhaltigkeit gelegt, sagt KWS. So wurde in einem Gemeinschaftsprojekt mit der Stadt Einbeck und mit maßgeblicher Unterstützung der Stadtentwässerung die Abwärme der Einbecker Kläranlage für die Wärmeversorgung nutzbar gemacht. Die über einen Wärmetauscher gewonnene Energie entspricht dem Bedarf von rund 100 Einfamilienhäusern. Zusätzlich wird die warme Abluft, die bei der Trocknung von Pflanzenmaterial entsteht, entfeuchtet und dem Trocknungsprozess wieder zugeführt. Photovoltaikmodule auf dem Dach des Gebäudes sorgen für eine nachhaltige Stromversorgung mit einer Leistung von 600 Kilowatt.

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Der neue Elitespeicher von oben in Blickrichtung Süden, links hinter den Bäumen die Einbecker Kläranlage, von der die Abwärme genutzt wird. (c) KWS
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Eingang zum neuen Elitespeicher der KWS an der Otto-Hahn-Straße in Einbeck. Foto: Frank Bertram