Jetzt ist der Generationswechsel an der Spitze des Einbecker Saatzuchtunternehmens KWS endgültig vollzogen: Mit Dr. Felix Büchting (49) begrüßte die siebte Generation der Gründer erstmals als Vorstandssprecher die Teilnehmer der Hauptversammlung in der PS-Halle. Und Vorgänger Dr. Andreas Büchting, der vor einem Jahr verabschiedet wurde, saß als Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates erstmals seit 47 Jahren nicht mehr auf dem Podium, sondern als Zuhörer in der ersten Reihe neben dem weiteren Ehrenaufsichtsrat Dr. Arend Oetker. „Ein wenig Aufregung und Lampenfieber“, räumte Felix Büchting vor der Versammlung durchaus ein, er gehe aber in die Veranstaltung „voller Erwartung und mit viel Freude“, wie er sagte. Fragen von Aktionären gingen erstmals direkt an ihn als Sprecher des Vorstandes. KWS, das in Einbeck rund 1600 der weltweit mehr als 5300 Mitarbeiter beschäftigt, legte den Anteilseignern gute Bilanz-Zahlen für 2022/23 vor.

„Wir werden weiter wachsen, aber nicht so stark wie in diesem Jahr“, sagte Büchting. Für das laufende neue Geschäftsjahr 2023/24 erwartet KWS nach den Worten von Finanzvorstand Eva Kienle steigende Umsätze und Gewinne, „wenngleich die Lage in unseren Haupt-Absatzmärkten geo- und finanzpolitisch kein leichtes Spiel verspricht“. Gemeint sind damit unter anderem die Herausforderungen des Unternehmens in der Ukraine und Russland, KWS beschäftigt in Russland 200 und in der Ukraine 170 Mitarbeiter, die loyal zum Unternehmen stehen und sich mit diesem stark identifizieren, lobte Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Philip von dem Bussche. Die russische Regierung schränke jedoch Importe zunehmend ein. Vorstand Dr. Peter Hofmann: „Die Auswirkungen dieser Lokalisierungsstrategie sind für uns noch nicht eindeutig absehbar, aber wir bereiten uns auf verschiedene Szenarien vor.“ In der Westukraine nimmt KWS in diesen Tagen eine neue Trocknung und Aufbereitung für Maissaatgut in Betrieb; für die 15-Millionen-Euro Investition waren die Fundamente gerade gegossen, als der Krieg begann.
Aber auch China entwickelte sich für KWS anders als geplant, von Chancen der Globalisierung sei dort keine Rede mehr, bedauerte Felix Büchting. Man habe geprüft „unter welchen politischen Gegegebenheiten und Restriktionen wir unser Geschäft verantworten können“. Westliche Züchter seien jedoch „bewusst limitiert oder sogar verboten“, ergänzte Vorstand Nicolas Wielandt. KWS ist daher aus dem chinesischen Maismarkt ausgestiegen. Und in Nordamerika hat KWS Probleme, den gewünschten Erfolg auf dem Markt zu erzielen: hohe Forschungskosten und zurückgegangene Verkaufsmengen. Mit einem neuen Geschäftsführer und einem neuen Finanzchef im Joint-Venture AgReliant soll dort die Rentabilität zurückkommen.
KWS weiß um den CO2-Fußabdruck der Landwirtschaft, arbeitet an der Reduzierung. Das Unternehmen hat eine zertifizierte Roggensorte im Sortiment, die 20 Prozent weniger Kohlendioxid als Weizen oder Gerste verursacht. „Wir sind davon überzeugt, dass Saatgut ein Teil der Lösung für die Entwicklung einer nachhaltigen oder regenerativen Landwirtschaft ist“, sagte Felix Büchting. Den Wegfall von Pflanzenschutzmitteln und Mineraldünger will KWS durch verschiedene andere Lösungen den Landwirten zur Verfügung stellen. „Neben dem Einsatz neuer Technologien wie Robotern zur Unkrautbekämpfung oder datenbasierter Vorhersagemodelle zur gezielten Applikation von Wirkstoffen kommt der Entwicklung von widerstandsfähigeren Sorten eine gewichtige Rolle zu“, sagte Büchting.
Wie breit mittlerweile das Portfolio jenseits der klassischen Zuckerrübe bei KWS, wurde in der Hauptversammlung sehr deutlich. 2019 ist KWS in den Markt für Gemüsesaatgut eingestiegen. Durch den Erwerb von Pop Vriend NL kamen Spinat, Bohne, Rote Beete und Mangold ins Sortiment. Aufgebaut werden Tomate, Paprika, Gurke, Melone und Wassermelone. „Dieses Ziel erreicht sich aber nicht im Handumdrehen“, sagte das zuständige Vorstandsmitglied Peter Hofmann. „Auf dem langen Weg des Ausbaus dieses zukunftsweisenden Segments für Gemüse drückt sich auf sehr greifbare Art und Weise unsere Vision Seeding the future for generations aus“, sagte Hofmann. Und auch Sonnenblumen hat KWS mittlerweile im Sortiment. Der Aufbau dieses Geschäftsfeldes laufe nach Plan, erklärte das zuständige Vorstandsmitglied Nicolas Wielandt. „Unser Traum in Europa ist es, unsere Kunden in ihrer gesamten Fruchtfolge mit verschiedenen Kulturen zu begleiten.“ KWS ist außerdem nach den Worten von Vorstandssprecher Felix Büchting bei pflanzenbasierten Proteinen im Gespräch mit verschiedenen Teilnehmern der Wertschöpfungskette. Bestes Beispiel sei die Kooperation mit Vly. Gemeinsam entwickle man gemacklich verbesserte Produkte auf Basis von Erbsenprotein, zum Beispiel Milchprodukte.
Vorstandsverträge verlängert: Die Vorstandsverträge von Eva Kienle (56) sind um weitere fünf Jahre und von Dr. Peter Hofmann (63) um 15 Monate verlängert worden. „Mit der Vertragsverlängerung von Eva Kienle bekräftigt der Aufsichtsrat die hohe Zufriedenheit mit dem Finanzvorstand und setzt auf Kontinuität im Vorstand, um die angestoßene Transformation der KWS weiter erfolgreich zu begleiten. Insbesondere um den Aufbau des Gemüsegeschäftes weiter voranzutreiben haben wir Peter Hofmann gebeten, seinen Vertrag bis September 2025 zu verlängern“, erklärte Aufsichtsratschef Philip von dem Bussche. Eva Kienle ist seit 2013 Mitglied des Vorstandes, Peter Hofmann wurde 2014 in den Vorstand berufen.
Aktuell die größte Investition am Standort Einbeck mit mehr als 40 Millionen Euro ist der Bau des so genannten Elitespeichers, der Mitte 2024 fertiggestellt werden soll. Seine Energie für die gleichbleibend kühlen 7 Grad Celsius für das wertvolle Saatgut gewinnt KWS mittels Wärmetauschern aus der nahen Einbecker Kläranlage, die unterirdische Trasse wird gerade gebaut.


Bilanzzahlen
KWS erzielte im jetzt bei der Hauptversammlung bilanzierten Geschäftsjahr 2022/2023 einen Umsatzzuwachs von 18 Prozent auf 1,82 Milliarden Euro (Vorjahr: 1,54 Milliarden Euro). Das Betriebsergebnis vor Abschreibungen (EBITDA) verbesserte sich um 26 Prozent auf 318,2 (252,5) Millionen Euro. Das Betriebsergebnis (EBIT) stieg um 44 Prozent auf 222,8 (155,4) Millionen Euro. Die EBIT-Marge verbesserte sich auf 12,2 (10,1) Prozent und lag damit oberhalb der KWS-Prognose (11 bis 12 Prozent). Der Jahresüberschuss in Höhe von 127 (107,8) Millionen Euro sowie das Ergebnis je Aktie von 3,85 (3,27) Euro stiegene ebenfalls an. Die Hauptversammlung hat Vorstand und Aufsichtsrat entlastet und der Ausschüttung einer um 10 Cent höheren Dividende von 0,90 Euro je Aktie zugestimmt. Damit werden 29,7 (26,4) Millionen Euro an die Aktionäre der KWS SAAT SE & Co. KGaA ausgeschüttet.
