Eine Wochenende voller Kulturkraft

Foto: Frank Bertram

Von Frank Bertram

Es geht nichts über ein Live-Erlebnis. Über die körperlich spürbaren Vibrationen der Musik, über volles Crescendo eines Streicher-Quartetts, den satten Sound einer Rhythmus-Combo, aber genauso die leisen Tastenklänge eines Flügels. Da stört auch die Maske auf dem Weg zum Sitzplatz nicht. Weiß doch jeder Besucher, dass jene ebenso wie moderne Lüftungstechnik zu den Bedingungen gehören, die momentan Live-Konzerte in großen Hallen mit vielen Menschen sicher möglich machen. „Ich freue mich irrsinnig und kann es eigentlich gar nicht in Worte fassen“, sagte die künstlerische Leiterin der „Kulturkrafttage“, Julia Hansen, zur Begrüßung im PS-Speicher. „Dass wir uns endlich wieder beieinander seiend überraschen und begegnen und auch Erinnerungen schaffen können.“ Und am Ende dieses Premiere-Festival-Wochenendes voller Kulturkraft live in der PS-Halle lassen sich diese Worte umso kräftiger aus ganzem Herzen bestätigen.

Der Mann mit dem niedrigen Klavierhocker: Pianist Martin Stadtfeld (r.) im Bühnengespräch mit Frank Stefan Kimmel. Foto: Frank Bertram

Was bei der eigentlich schon im vergangenen März geplanten Premiere nur ein Online-Moment sein durfte, waren jetzt drei Tage reichhaltig gefüllt mit Musik, Sprache und Begegnungen, die sich aufs Beste verbunden haben. Als äußerst clevere Ergänzung der unterschiedlichen Konzerte haben sich die moderierten Bühnengespräche erwiesen, die vor den Auftritten der Künstler nicht nur dem musikalischen Laien wichtige Zusatzinformationen gegeben haben. Pianist Martin Stadtfeld etwa begründete, warum er immer auf einem ziemlich niedrigen Hocker am Flügel sitzt, dass er vorher nie andere Aufnahmen von den Stücken sich anhört, die er einmal selbst bearbeiten und spielen möchte. Oder dass er es bei Solokonzerten genießt, völlig in die Musik abzutauchen. „Bei anderen müssen sie immer warten, bis das Orchestervorspiel vorbei ist“, sagte Stadtfeld augenzwinkernd im Gespräch mit Frank Stefan Kimmel. Der Göttinger Fotograf interviewte nicht nur die Gäste, er hatte seine Ausstellung „Auftritt“ aufgebaut, die prominente Künstler vor und nach dem Auftritt zeigen. Die sehenswerte Schau mit 25 großformatigen Bildern ist auch noch in den nächsten Tagen auf der Galerie der PS-Halle während der Öffnungszeiten des PS-Speichers zu finden.

Ulrich Tukur und seine Rhythmus Boys sorgten für 350 Zuschauern in der PS-Halle für ein mitreißendes Live-Erlebnis. Foto: Frank Bertram

Die „Kulturkrafttage“ lebten auch vom Kontrast. Wo zur Blauen Stunde Schauspieler Charles Brauer Texte von Rilke, Brecht, Fried oder Goethe las und dazu Haydn und Mendelssohn-Bartholdy vom jungen Eliot-Streicher-Quartett eher melancholisch oder gar tieftraurig stimmte, riss Ulrich Tukur mit seinen Rhythmus-Boys und Schlagern der 20-er und 30-er Jahre das Stimmungsbarometer beim Publikum wieder kräftig nach oben. Tatort-Kommissar Tukur, der beim Bühnengespräch zugegeben hatte, dass er „aus der analogen Zeit“ stamme, von seiner Schellack-Plattensammlung erzählte und mit Frank Stefan Kimmel auf Hessisch parlierte, verband die Gassenhauer mit charmanten Überleitungen, durch deren Witz manche Besucher endlich mal wieder herzhaft lachen konnten. Und zwar gemeinsam mit anderen Menschen, nicht nur jeder allein vor einem Bildschirm. Beim Bühnengespräch mit dem ebenfalls noch aus Tatort-Zeiten bestens bekannten Charles Brauer und dem Eliot-Quartett war dann für einen Moment die Realität zu Gast in der PS-Halle: Zwei der Musiker stammen ursprünglich aus Russland. Putin habe die Ukraine und Russland ruiniert, machten sie deutlich, dass sie gegen diesen Krieg sind.   

Leichtigkeit und Leidenschaft schlossen bei der Matinee „Goethe meets Jazz“ die Premieren-Kulturkrafttage in Einbeck: Julia Hansen und Heikko Deutschmann verwoben mit Jörg Siebenhaar (Klavier), Thomas Zander (Saxophon) und Rhani Krija (Percussion) die Worte des großen Dichterfürsten aus dem „Buch Suleika“ zu improvisierten Jazzarrangements. Wieder, wie schon beim Kulturkraftmoment im vergangenen Jahr, inspiriert vom Augenblick „ohne Netz und doppelten Boden – wie die Liebe selbst.“ Von den Erinnerungen werden die Besucher noch lange zehren können. Aber hoffentlich nicht müssen – bis zum nächsten Live-Erlebnis.

Die ersten „Kulturkrafttage“ konnten mehr als 800 Gäste begrüßen, bilanzierte der Veranstalter. Erst Ende Februar konnte er angesichts der schwierigen Pandemie-Rahmenbedingungen entscheiden, das mehrtägige Festival an den Start gehen zu lassen, dank der Unterstützung vieler Förderer. Es wurde zum Erfolg, so dass es vom 17. bis 19. März kommenden Jahren die zweiten „Kulturkrafttage“ im PS-Speicher geben wird. Götz Alsmann, der Meister des deutschen Jazz-Schlagers, und das preisgekrönte E.T.A. Trio haben ihr Kommen bereits angekündigt, mit weiteren bekannten Künstler ist die künstlerische Leiterin Julia Hansen im engen Gespräch.

Charles Brauer mit dem Eliot-Quartett im Bühnengespräch. Foto: Frank Bertram
Beifall für das junge Eliot-Streichquartett in der PS-Halle. Foto: Frank Bertram
Die Ausstellung „Auftritt“ (hier Pianist Martin Stadtfeld) ergänzte die ersten „Kulturkrafttage“ im PS-Speicher. Foto: Frank Bertram
Matinee zum Abschluss mit Julia Hansen, Heikko Deutschmann sowie den Musikern Rhani Krija, Jörg Siebenhaar und Thomas Zander. Foto: Kulturkrafttage / Sigrid Krings

Du kannst hier einen Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.