Malerei unter freiem Himmel: Ausstellung mit meisterhaften Stadtansichten Einbecks

(c) Foto: Timo Ehlert

Welche Stadt hat das Glück, zur Kulisse für ein Symposium professioneller Künstlerinnen und Künstler zu werden? Einbeck war vor einigen Monaten glücklich, die Altstadt verwandelte sich im vergangenen Juni für eine Woche in ein lebendiges Freiluft-Atelier: Zehn Malerinnen und Maler der „Norddeutschen Realisten“ machten Einbeck zur Hauptdarstellerin einer künstlerischen Bestandsaufnahme. Jetzt sind die Ergebnisse bis zum 16. August in einer Ausstellung im Stadtmuseum zu sehen, insgesamt 74 Bilder auf zwei Etagen. Eingeladen und mit großem organisatorischem Aufwand ermöglicht wurde das so genannte Plein-air-Projekt vom Kunsthaus Einbeck, das die „Norddeutschen Realisten“ nach Einbeck geholt und das Symposium in enger Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und Unterstützern auf den Weg gebracht hat. Bei einer Vernissage wurde die Ausstellung von Dr. Imke Weichert (Stadtmuseum Einbeck) und Dr. Elke Heege (Kunsthaus Einbeck) offiziell eröffnet.

(c) Foto: Frank Bertram
Dr. Imke Weichert und Dr. Elke Heege (vorne, v.l.) eröffneten gemeinsam die Ausstellung im Stadtmuseum. Foto: Frank Bertram

„Was wir hier sehen in einer bildüberfluteten Welt, das ist ein kleiner Schatz sehr authentischer, echt erlebter Bilder und persönlicher Sichtweisen auf eine Landschaft in Südniedersachsen“, sagte Museumsleiterin und Kunsthistorikerin Dr. Imke Weichert zur Eröffnung. „Jeder Betrachter und jede Betrachterin mag sich vielleicht von einer Handschrift oder einer Motivwahl besonders hingezogen fühlen, ich bin glücklich, dass die Norddeutschen Realisten ihren persönlichen Blick so meisterhaft in Szene gesetzt mit uns teilen und uns vor Augen führen, dass es nie nur einen einzigen Blick auf Schönes gibt.“

Während in der Kunstgeschichte die Landschaft bei der Malerei zunächst nur die Funktion eines Hintergrundes gehabt habe, beispielsweise bei Portraitbildern, seien erst im 17. Jahrhundert Landschaftsbilder eigenständig geworden, teilweise kartografisch, um seine Zugehörigkeit zu einem Territorium zu zeigen, berichtete Weichert. Vor allem in den Niederlanden erfuhren Landschaften im „goldenen Zeitalter“ einen Bedeutungswandel, reiche Kaufleute leisteten sich Seebilder, italienische Landschaften, Winterlandschaften und vieles mehr. 1841 kam erstmals vermalbare Ölfarbe in Tuben auf den Markt, damit eröffneten sich der Freilichtmalerei völlig neue Möglichkeiten. Dadurch wurden auch inszenierte, künstliche Atelierbilder weniger, immer mehr Maler malen „en plain air“, unter freiem Himmel, und zwar naturalistisch, nicht gekünstelt. Eine Gruppe französischer Maler in der Nähe von Paris malte Mitte des 19. Jahrhundert erstmals „mitten in der Natur“ und erhob die ungeschönte, authentische Landschaftsmalerei zu einem eigenständigen Sujet und brach mit der akademischen Tradition, diese nur als Hintergrund zu sehen. Der Impressionist Monet war richtungsweisend. „Die Fotografie entband die Kunstschaffenden von ihrer originären Aufgabe, möglichst naturgetreu abzubilden und für die Nachwelt festzuhalten“, sagte Weichert.

Dr. Elke Heege berichtete, wie das Projekt zustande gekommen ist. 2019 sei sie in Rendsburg erstmals Bildern der „Nordeutschen Realisten“ begegnet, „einem illustren Kreis von sehr renomierten Künstlern“. Alle Mitglieder sind akademisch ausgebildete Maler mit beeindruckenden Einzelkarrieren. 2023 habe sie dann in Bremen erneut Werke der Gruppe gesehen, und weil sie die dortige Museumsleiterin kannte, habe sie davon erfahren, dass man die Realisten einladen könne, weil diese sich regelmäßig zu Symposien treffe, um an einem Ort vor Ort zu malen. Nachdem sie in Einbeck beim Kunsthaus Begeisterte für das Projekt und schließlich auch Geldgeber gefunden hatte, konnte die Einladung ausgesprochen werden. Erst während des Projektes sei ihnen aufgefallen, dass seit 50 Jahren kein renomierter Maler mehr in Einbeck gearbeitet habe, erzählte Heege, die über Jahrzehnte das Einbecker Museum geleitet hatte. Zuletzt sei dies der Spätimpressionist Kurt Hensel (1882-1948) gewesen. Das Werk von Franz Cestnik (1921-2011) sei vom Expressionismus und ganz anderen Themen geprägt, ohne Stadtansichten oder Landschaftsbilder. Ihr sei bewusst geworden, sagte Dr. Elke Heege: „Das ist die allererste Chance, dass wir einmal wieder einen künstlerischen Blick auf unsere Stadt bekommen.“ Während der heißesten Sommerwoche Ende Juni 2025 haben sich die zehn Künstler ihre Motive gesucht, tags wie nachts. „Sie haben ihr Bestes gegeben, um Einbeck in neuem Licht zu zeigen“, sagte Heege. Den Künstlern seien dabei keinerlei Vorgaben gemacht worden, ihnen sei freie Hand bei den Motiven gelassen worden. Viele Bilder seien an den malerischsten Orten der Einbecker Altstadt, andere aber auch abseits der Hauptwege entstanden. Einige Künstler seien dabei erstaunlicherweise bei Motiven gelandet, die Jahrzehnte auch bereits einmal gemalt worden waren. „Sie werden viele Stellen erkennen, die ihnen vertraut sind – und doch durch die Maleraugen einen anderen Stellenwert bekommen, ein anderes Licht, eine andere Stimmung“, gab Dr. Elke Heege den Besuchern mit. Zu sehen ist der bevölkerte Marktplatz, sind pittoreske Hinterhöfe, die mittelalterliche Stadtmauer oder auch Landschaft rund um die Stadt. Einige Bilder entstanden in der Münsterkirche St. Alexandri, wenige in der „Schatzkammer“ des PS-Speichers.

Die Kunstgruppe „Norddeutsche Realisten“ widmet sich immer wieder auf Einladung besonderen Plein-air-Projekten, der Malerei unter freiem Himmel – im Gegensatz zur Ateliermalerei. In der Tradition der Impressionisten haben die Malerinnen und Maler Wind, Wetter und die ganz eigene Einbecker Atmosphäre direkt auf die Leinwand gebannt. Wo sonst Alltag herrscht, standen plötzlich Staffeleien. Zehn Teilnehmende tauschten künstliches Licht gegen echtes Sonnenlicht. Nicht selten wurden sie vor Ort bei ihrer Arbeit von Passanten angesprochen – und immer wieder kam die Frage: Wann kann man die fertigen Arbeiten sehen? Jetzt, lautet nun die Antwort. Das Ergebnis ist eine Liebeserklärung in Öl und Farbe: eine Ausstellung, die Einbeck so zeigt, wie es ist – meisterhaft, realistisch und voller Leben. Teilgenommen haben Margreet Boonstra, Ulrich Gleiter, Erhard Göttlicher, Janko Göttlicher, André Krigar, Mathias Meinel, Lars Möller, Till Warwas, Corinna Weiner, Björn Wirtz.

Dass die Ergebnisse bis zum 16. August im Stadtmuseum Einbeck präsentiert werden können, ist Ausdruck einer lebendigen Kooperation im Einbecker Kulturbereich – zwischen Museum, Kunsthaus und dem Festival „StadtpARTie Einbeck“. Dieses Projekt steht exemplarisch für das, was Kultur in Einbeck besonders macht: Zusammenarbeit. Wenn engagierte Vereine, Institutionen und Förderer an einem Strang ziehen, entsteht mehr als die Summe einzelner Beiträge.

Für die Ausstellung „StadtANSICHTen“ gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm:

  • „Voll im Bilde“, Führung durch die Ausstellung mit Dr. Imke Weichert, 17. Mai, 14 Uhr, 19. Juni, 16 Uhr.
  • „Gemälderallye – den Gemälden auf den Spuren“, für Familien und Kinder, 26. Mai, 17 Uhr, 16. August, 10 Uhr. Anmeldung notwendig. Die Rallye kann bis 16. August auch als Kindergeburtstag gebucht werden.
  • Spotlight-Führung, Pause machen und Kunst erleben, Dr. Elke Heege stellt ein ausgewähltes Gemälde aus der Ausstellung vor und beleuchtet es in einer halben Stunde von allen Seiten – perfekt für die Mittagspause, 17. Juni, 15. Juli, 12. August, jeweils 13 Uhr.
  • „Mehr als Grün – die Geschichte der Landschaftsmalerei“, Vortrag von Dr. Imke Weichert, 14. August, 16.30 Uhr.

Außerdem wird der Publikumsliebling gesucht, die Besucherinnen und Besucher dürfen mit ihrer Einrittskarte darüber abstimmen, indem sie die Nummer ihres Lieblingsbildes auf das Ticket schreiben und dieses in die Wahlurne im Museum werfen. Der Publikumsliebling wird mit 500 Euro für den Künstler prämiert.

Zur Ausstellung ist außerdem ein vom Kunsthaus Einbeck herausgegebener Katalog erschienen, der im Museum erhältlich ist: StadtANSICHTEN. Die Norddeutschen Realisten malen Einbeck, Isensee-Verlag Oldenburg, 178 Seiten, ISBN 978-3-7308-2316-3.

Die 74 in der Ausstellung gezeigten Bilder können auch käuflich erworben werden, eine Preisliste liegt aus.

(Aktualisiert: 09.05.2026, 22:06 Uhr)

(c) Foto: Frank Bertram
Drei der zehn Künstler waren anwesend bei der Eröffnung (v.l.): Erhard Göttlicher, Björn Wirtz und Mathias Meinel. Foto: Frank Bertram
(c) Foto: Frank Bertram
Insgesamt 74 Bilder werden ausgestellt. Foto: Frank Bertram
(c) Foto: Frank Bertram
Die Ausstellung ist bis 16. August zu sehen. (c) Foto: Frank Bertram