Was hatten Alfred Kayser und Lothar Urbanczyk gemeinsam? Welche Häuser baute einst Friedrich Dehne in Einbeck? Wie fühlte sich ein chinesischer Student früher in Einbeck? Wer kennt noch den Artisten Morle Morgenstern oder Zirkusdirektorin Margarete Kreiser? Einbeck wurde immer wieder geprägt durch Persönlichkeiten, durch Männer und Frauen. Unter dem Titel „The Talking Dead – Wenn Tote sprechen könnten…“ haben zwölf Schülerinnen und Schüler der Goetheschule Einbeck in ihrem Seminarfach Geschichte eine Sonderausstellung kreiert, die bis zum 15. Februar 2026 zu sehen ist. Parallel ist dem Firmengründer und Unternehmer Walter Poser, der vor 125. Jahren geboren wurde, eine kleine Gedenkausstellung gewidmet worden. „Es sind zwei Ausstellungen – und es doch eine“, freute sich Museumsleiterin Dr. Imke Weichert bei der gut besuchten Eröffnung.

Die Schüler seien immer weiter eingetaucht in die Biografien der Menschen, „das zu sehen war mir ein großes Vergnügen“, sagte Imke Weichert. Die Jugendlichen hätten tolle Ideen gehabt, das Museum habe manchmal nur die Werkzeuge für die Umsetzung anreichen müssen. Die Besucher der Ausstellung erhalten durch von den Schülern positionierte Exponate viele Einblicke in spannende Lebensgeschichten.
Ausgegangen ist das Projekt von einer Idee von Stadtarchiv-Mitarbeiterin Susanne Gerdes, die viel zu Einbecker Friedhöfen erforscht. Die Schüler im von Dr. Susanne Mosler initiierten Seminarfach Geschichte haben Friedhöfe besucht, die Grabsteine erzählen lassen, teilweise noch lebende Nachkommen um Informationen und Gegenstände aus deren Leben angefragt. In drei Semestern haben die Jugendlichen schließlich einzelne Personen ausgewählt, näher zu diesen im Archiv geforscht und die Biografien zusammengetragen sowie die Ausstellung gestaltet und ihre Facharbeit geschrieben. Außerdem haben die Schüler Unterstützer und Sponsoren gesucht und gefunden, ohne die eine Realisierung in dieser Form nicht möglich gewesen wäre.
Unter dem Titel „Die sprechenden Toten“ haben zwölf Schüler der Goetheschule (Antonia Weber, Merle Schrader, Lucy Püllen, Anna Mann, Ahmed Al-Ansari, Tim Enders, Lara Böker, Colin Rombouts, Lorenz Thoma, Hauke Hainski, Merle Marie Scheerbarth und Julia Wünsche) mit ihrer Lehrerin Dr. Susanne Mosler und in Kooperation mit dem Stadtmuseum und dem Stadtarchiv die Fakten zu den bedeutenden Personen zusammengetragen. Aus 14 spannenden Biografien unterschiedlichster Einbecker Persönlichkeiten der vergangenen 150 Jahre haben die Schüler sieben Menschen ausgewählt und erzählen in der Ausstellung mehr über das Leben dieser Personen, die einst das Leben in der Stadt Einbeck geprägt haben und bis heute tun. „Tauchen Sie ein, lauschen Sie, lassen Sie die Toten sprechen“, wünschen sich die Goetheschüler von den Besuchern der Ausstellung, in der von Schicksalen, Visionen und Gefühlen die Rede ist.

Die Rede in der Ausstellung ist von bekannten und weniger bekannten Namen: Baumeister Friedrich Dehne, Schauspieler Wilhelm Bendow, Sozialdemokrat Alfred Kayser, Rechtsanwalt und Politiker Lothar Urbanczyk, dem chinesischen Studenten Fuja Liao, Zirkusdirektorin Margarete Kreiser, dem Artisten Morle Morgenstern mit Renate Enders und Lotti Bogan, die 1961 in New York als „Die drei Morles“ mit einem spektakulären Tassentrick im Madison Square Garden aufgetreten sind. Außerdem sind Kurzbiografien des „Sumatra“-Plantagenbesitzers Georg Stalmann (1858-1931), von KWS-Unternehmer Carl-Ernst Büchting (1915-2010), Baumaschinen-Unternehmer Kurt König (1908-1976) und Hermine Rabbethge (1847-1919) als Vorstand des Krankenhaus-Vereins zu sehen.

Über den Unternehmer Walter Poser, der vor 125 Jahren geboren wurde, informiert ein eigener Ausstellungsteil, der vom Globus/Poser-Freundeskreis und dem Poser-Enkel Ralf Kneflowski mit dem Stadtmuseum gestaltet worden ist. Walter Poser war nicht nur erfolgreicher Geschäftsmann mit in der Spitze 1000 Mitarbeitern, er galt auch als sozialer Unternehmer, der sich für die Belange seiner Belegschaft einsetzte. Die Walter-Poser-Siedlung nahe der Teppichfabrik ermöglichte Mitarbeitern Eigenheime, es gab eine Werksküche, eine damals noch nicht übliche betriebliche Altersvorsorge. Das Poser-Casino, eigentlich Kantine für die Mitarbeiter, wurde weit über die Firma durch Veranstaltungen des Karneval oder andere Bälle zur Legende.
Einbeck sei bis 1975 immer der Mittelpunkt und Treffpunkt der Familie aus West und Ost gewesen, berichtete Enkel Ralf Kneflowski über seinen Großvater Walter Poser, der in Thüringen geboren worden war und nach dem Zweiten Weltkrieg dort enteignet wurde und in Einbeck komplett neu anfing. Im Haus Andershäuser Straße 20 (auf dem großen Grundstück stehen heute viele einzelne Häuser) lebten vier Generationen. „Drei Wochen Urlaub im Jahr“ hätten sich seine Großeltern Olga und Walter Poser gegönnt, aber erst ab Ende der 1950-er Jahre mit dem Unternehmenserfolg. Die Familie sei regelmäßig in die Kirche gegangen. In den Ferien sei er immer in Einbeck bei seinem Opa und seiner Oma gewesen, berichtete Kneflowski. Von 1964 bis 1976 lebte er in Einbeck, besuchte das Gymnasium in Dassel. Später habe der Großvater eine Jagd gehabt, der Enkel sei als Treiber gern gesehen gewesen, sonntags habe der Großvater mit ihm Rundgänge gemacht durch die Natur. „Er hat mich fit gemacht für das Leben, in der Rückschau bin ich ihm sehr dankbar.“ Ralf Kneflowski dankte für die Ausstellung in Erinnerung an seinen Großvater und allen, die diese möglich gemacht haben. „Mehr Sein als Schein, viel leisten, wenig hervortreten, niemanden zurücklassen und bescheiden bleiben“, angelehnt an ein Moltke-Zitat charakterisierte er seine Großeltern.

