Von Frank Bertram
Noch ein Buch über Wilhelm Bendow? Ja, unbedingt! Über den aus Einbeck stammenden Schauspieler und Kabarettisten (1884-1950), geboren als Emil Boden, sind zwar viele Geschichten bereits bekannt – natürlich vor allem der „Rennbahn-Sketch“ („Wo laufen Sie denn?“), den Loriot 1972 aufgegriffen hat. Die Einbecker Journalistin Delia Ehrenheim-Schmidt hat mit ihrem jetzt vorgelegten Buch über Wilhelm Bendows abendfüllendes (Arbeits-)Leben jetzt akribisch weitere Mosaiksteine beigesteuert und erinnert mit einer in mehr als 25 Jahren zusammengetragenen Fülle an Fakten an den Mann, der 40 Jahre lang als Conferencier, durch umständliche Komik und pointierte Filmrollen bekannt war. Ein weiteres Kapitel der Bendow-Biografie ist damit geschrieben. Wer etwas aus dem Leben dieser aus Einbeck stammenden Persönlichkeit erfahren möchte, wird an dem Buch von Delia Ehrenheim-Schmidt nicht vorbei kommen und auf den 260 Seiten kompetente Antwort finden.
Was das Buch „Herr Bendow wirkt abendfüllend mit“ mit seinen 260 Seiten und 140 Abbildungen so wertvoll macht, sind neben bislang unveröffentlichten Fotos und Dokumenten aus dem Familiennachlass die Übersichten im Anhang: Da werden alle nachgewiesenen Anschriften aufgeführt, wo Wilhelm Bendow zeitlebens gewohnt hat, da werden mit einer viele Informationen zusammentragenden Namensliste einige längst vergessene Menschen mit Leben erfüllt. Über Bendows Kollegen Paul Morgan, Max Ehrlich und Marcellus Schiffer gibt es sogar eigene kurze Kapitel. Von einem umfangreichen Anmerkungen- und Quellennachweis gar nicht zu reden.
Die Autorin beleuchtet sehr dicht geschrieben und mit vielen Detailinformationen unter anderem ein bislang unbeachtet gebliebenes Zusammentreffen mehrerer Faktoren für Wilhelm Bendow im Jahr 1938: Ausbleibende Erfolge, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Versteigerung seiner Acht-Zimmer-Wohnung, Schulden, angeschlagene Gesundheit, der Druck der NS-Zeit auf den Homosexuellen, der Tod von Sketch-Kollege Paul Morgan im KZ Buchenwald und der frühe Tod von Bendows Schwester Marie – alles das machte dem Schauspieler und Komiker 1938/39 beruflich so sehr zu schaffen, dass er mehrfach nicht auftreten konnte. Das Hansa-Theater Hamburg kürzte die Gage. Der Alkohol war keine Lösung, er wurde stattdessen immer mehr zum Problem. Delia Ehrenheim-Schmidt kann aus Briefen und Auflösungsverträgen zitieren. Sie berichtet auch von mehreren Aufenthalten Bendows im Sanatorium Dr. Sinn in Potsdam-Babelsberg – eine bislang so nicht bekannte Facette. Entdeckt hat sie auch den Originalvertrag Bendows zum bekannten Münchhausen-Film, dem Ufa-Jubiläumsfilm 1942, in dem er den Mondmann spielt.
Die Autorin kam durch eine Schallplatte, die sie von ihrem Vater geschenkt bekam, aber vor allem 1996/97 durch einen Arbeitskreis im Einbecker Geschichtsverein mit Erich Strauß und Hellmut Hainski über Einbecker Persönlichkeiten zu Wilhelm Bendow. Damit fing alles an. Delia Ehrenheim-Schmidt hat mehr als 25 Jahre lang in Archiven von Dannenberg über Mainz und Berlin bis Salzburg und Graz sowie in Einbeck über Bendow geforscht, berichtete sie jetzt bei der Buchvorstellung. Ausschlaggebend für die Veröffentlichung sei aber eine Bendow-Kiste aus dem Familiennachlass mit unbekanntem Inhalt gewesen, die Dr. Dietlind Boden 2021 entdeckt und der Journalistin anvertraut hat. „Mit dem Material von 2021 habe ich eifrig recherchiert und konnte noch viel Neues entdecken bzw. weitere Puzzleteil-Ergänzungen zu bekanntem Material finden“, sagt sie. Die Autorin konnte auch noch einige Zeitzeugen befragen: Curth Flatow, Loriot, Sonja Ziemann, Gunnar Möller und Bruni Löbel. Bruni Löbel hat mit Bendow und Ursula Herking im Februar 1945, in der Nacht als Dresden brannte, eine sehr abenteuerliche Bahnfahrt Richtung Berlin erlebt und Delia Ehrenheim-Schmidt davon berichtet. Barbara Boden, die Ehefrau und Witwe des Neffen, habe ihr erzählt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg Kay und Lore Lorentz, die damals gerade das Düsseldorfer Kommödchen gründen wollten, noch 1947 nach Einbeck zu Besuch kamen. Eine Zusammenarbeit mit Bendow ergab sich aber nicht mehr.
Vor 75 Jahren, am 29. Mai 1950, ist Emil Boden gestorben und auf dem Neustädter Friedhof in Einbeck beigesetzt worden. Wilhelm Bendow lebt in seinen Filmen weiter – und dank Bücher wie diesem.
Delia Ehrenheim-Schmidt: „Herr Bendow wirkt abendfüllend mit“ – Aus dem (Arbeits-)Leben des Einbecker Schauspielers und Komikers, 260 Seiten mit 140 Abbildungen, Verlag Jörg Mitzkat (Holzminden), ISBN 978-3-95954-168-8.

