Heute vor 100 Jahren am Ostertor in Einbeck

Auf den Tag genau heute vor 100 Jahren hat sich Georg Marienhagen ins obere Giebelfenster des Verwaltungsgebäudes des Fahrradunternehmens August Stukenbrok gestellt, seine Kamera in Richtung Stadtmitte gerichtet und auf den Auslöser gedrückt. Es hatte noch einmal geschneit in Einbeck am 16. April 1921, das war wahrscheinlich der Grund für den 21-Jährigen, an diesem Tag dieses Foto vom Ostertor zu machen. Das vergrößerte Lichtbild ist jetzt am Eingang zum Stukenbrokpark auf einem Stromverteilerkasten zu sehen. Pate ist Georg Marienhagens Schwiegersohn, Gerd Hillebrecht.

Auf rund 50 Verteilerkästen in Einbeck sind mittlerweile von der Bürgerinitiative Sch(l)aufenster mit Unterstützung vieler Paten und von Sponsoren historische Fotografien aufgeklebt worden. Das neueste ist das Bild, das Gerd und Ursel Hillebrecht aus ihrem Privatarchiv zu Verfügung gestellt haben. Es stammt von Georg Marienhagen, Gerd Hillebrechts Schwiegervater. Marienhagen wohnte 1921 mit seinen Eltern im Haus Hohe Münsterstraße 21 direkt rückseitig an dem parkartig angelegten Grundstück der Villa Stukenbrok. Diese Nähe zur Villa Stukenbrok, seine fotografischen Kenntnisse sowie seine Mitarbeit in der Kameraabteilung bei Firma Stukenbrok, Einbecks damals größtem Arbeitgeber, ließen den jungen Mann zu einer Art „Hof-Fotograf“ bei Stukenbroks werden, erzählt Gerd Hillebrecht über seinen Schwiegervater. Er sei oft zu Privat-Aufnahmen der Familie Stukenbrok gebeten worden, einige dieser dabei entstandenen Aufnahmen aus Familie und Firma Stukenbrok sind im Buch „Wolfgang Kampa und Werner Zänker: August Stukenbrok – Wirtschaftswunder der wilhelminischen Zeit“ abgebildet, das 2019 erschienen ist.

Georg Marienhagen hat seine Fotos exakt datiert, daher wissen wir heute, wann das Bild entstanden ist. Georg Marienhagens Vater Louis Marienhagen (1867-1949) arbeitete im Versandhaus Stukenbrok. So war es nicht verwunderlich, dass dessen drei Söhne nach ihrer Schulzeit dort auch Ausbildung und Arbeit fanden. Georg war der Jüngste. Er arbeitete 1921 in der Kameraabteilung bei Stukenbrok und hat die Fotografie vermutlich auf Glasplatte oder Tageslichtfilm belichtet. Ein 10×15-Abzug befindet sich im Privatbesitz der Familie Hillebrecht.

Wenig hat sich in den 100 Jahren seit der Aufnahme an der Dachlandschaft Einbecks verändert, beschreibt Gerd Hillebrecht das Bild, das jetzt alle persönlich am Eingang zum Stukenbrokpark jederzeit betrachten können. „Links sind weiterhin die hohen Dächer und Türmchen der Häuser um das ehemalige Kreishaus zu erkennen. Rechts dominiert immer noch der hohe Turm der Marktkirche St. Jacobi.“ Aber auch Veränderungen fallen ins Auge: Es fehlt der Dachreiter der 1963 abgerissenen Neustädter Kirche, auf dem Foto noch sichtbar am Horizont senkrecht über dem Springbrunnen des heutigen Paulsbades. Der bepflanzte Vorgarten vor Haus Neuer Markt 33 (Haus Hainski) ist nicht mehr vorhanden. Es fehlen im Vordergrund links der gerade noch angeschnittene Zaun zum Abhang der Straße zu den Gütergleisen des Bahnhofs Einbeck und die hohe Straßenlaterne auf der Kreuzung Ostertor.

Gerd Hillebrecht neben dem Verteilerkasten mit dem Fotos seines Schwiegervaters, das vor 100 Jahren entstanden ist. Foto: Frank Bertram

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