Seine Großmutter hat ihn geprägt. Sie hat dem jungen Hubertus, den die gebürtige Berlinerin zärtlich auch als Erwachsener noch „Kleener“ nannte, immer wieder gezeigt, das glücklich zu sein eine Entscheidung ist. Der Autor, Filmproduzent und Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt hat zum Finale des Göttinger Literaturherbstes von seiner Großmutter erzählt. Sein zu Beginn der Veranstaltung geäußerter Wunsch, das Publikum im ausverkauften KWS-Biotechnikum in Einbeck möge den Raum optimistischer verlassen als es ihn betreten hat, könnte sich erfüllt haben. Denn der 70-jährige charmanter Erzähler feuerte ein fulminantes Zitate-Feuerwerk ab – und brachte den Saal immer wieder mit Lebensweisheiten seiner geliebten Großmutter, die er liebevoll „Osi“ nannte und als „Désirée Nick der Kreidezeit“ beschrieben hat, zum Lachen.

Viele der Zitate stammten vom Kühlschrank seiner Großmutter, der von allen Seiten mit Zitaten, Anekdoten und Postkarten beklebt war. Christel Vollbrecht, Jahrgang 1898, hatte zwei Weltkriege überstanden und lebte fortan auf der Überholspur: unangepasst und voller Lebensfreude. Nahezu jeden Abend saß sie in der Weinstube Boos, ihrem zweiten Wohnzimmer. Hubertus Meyer-Burckhardt erzählte, was sie ihrem Enkel unter anderem dort mit auf seinen Lebensweg gab, und antwortete gleich selbst auf seine Frage: Wäre es nicht wunderbar, hätten wir in der heutigen Zeit wieder mehr Menschen mit Witz, Widerspruchsgeist und Charakter?
Alkohol zu trinken war für sie eine Charakterfrage, erzählte Hubertus Meyer-Burckhardt. Mit Wein habe sie auch seine Freundinnen „getestet“. Manchmal im Jahr habe seine Großmutter eine Pause eingelegt, aber weiter Bier getrunken. Das sei für die „Kulturtrinkerin“ nicht unter Alkohol gefallen. Er wolle Alkoholismus nicht verniedlichen, betonte der 70-Jährige. Seine Großmutter verehrte Édith Piaf, rauchte Lord Extra und starb, als er 30 Jahre alt war.
Seine Großmutter, die er als konservativ, ja fast kaisertreu, beschreibt, sei eine leidenschaftliche Diskutantin gewesen. Sie habe die Debatte geliebt, habe sich auch überzeugen lassen und sogar manchmal gesagt: Vielleicht habe ich geirrt. Wo finde man das heute noch?, fragte Meyer-Burckhardt. Für sein Buch über seine Großmutter habe er sich die Frage gestellt, wie individuell man sein könne. Gebe einem die Familie Spielräume oder eben gerade nicht? Wann werde eine Lebenslüge zum Rettungsring, wann das familiäre Narrativ zur Schwimmweste?
Seine Großmutter sei eine „Wanderpredigerin der Lebenslust“ gewesen. Sie, die die Welt zwei Mal in Trümmern gesehen habe, habe ihm immer geraten, nichts zu verschieben. „Sei nie der Schuster, der bei seinen Leisten bleibt.“ Bewusst habe seine Großmutter im Nachkriegsdeutschland Geschäfte besucht, die jüdische Inhaber hatten, wohlwissend, wie sehr sich Deutschland im Nationalsozialismus versündigt habe. Für den „Dalli Dalli“-Quizmaster Hans Rosenthal, der die Shoah in zwei Gartenlauben versteckt in Berlin überlebte, sei sie immer zuvor zum Friseur gegangen, habe sich schick gemacht, bevor sie sich vor den Fernseher setzte.
Die biergeschwängerten Sause nach Einbeck mit seiner Großmutter, mit der die Veranstaltung beworben worden war, deutete Hubertus Meyer-Burckhardt am Ende nur an. Mit 18 Jahren unternahm er einen Ausflug in die bekannte Bockbierstadt, seine „Osi“ drängte ihn im Brodhaus zum Bier trinken, obwohl er noch wieder nach Kassel zurückfahren musste. „Du kannst doch hier keine Bluna trinken“, begründete die Großmutter die Bierempfehlung. Ihr hätte nicht gefallen, dass sich die Einbecker Brauerei immer stärker auf alkoholfreie Getränke konzentriert, mutmaßte Meyer-Burckhardt augenzwinkernd. Das Nicht-Lesen der Passage war clever. Schlussendlich waren am Büchertisch alle Exemplare von „Die Sonne scheint immer. Für die Wolken kann ich nichts“ verkauft.

Der 35. Göttinger Literaturherbst hat eine positive Bilanz gezogen: Rund 24.000 Gäste besuchten die mehr als 80 Veranstaltungen, die Auslastung lag bei 95 Prozent. 33 der 70 Eintrittsveranstaltungen waren ausverkauft. Literaturherbst „On Air“ läuft noch bis Ende November, Tickets sind weiterhin erhältlich hier. In Bad Gandersheim steht noch einiges aus: Für die Lesung mit Lucy Fricke am 31. Oktober sind noch Anmeldungen möglich, für Heike Specht am 29. Oktober gibt es noch Tickets hier. Der nächste Göttinger Literaturherbst findet vom 8. bis 17. Oktober 2027 statt.
