Einen Richtkranz gab es nicht, und auch das Dach war an diesem Sommertag lediglich ein großes Sonnensegel. Der Zeitplan ist etwas durcheinander geraten auf der KWS-Baustelle an der Grimsehlstraße in Einbeck, der Winter hat die Arbeiten am neuen Phytopathologie-Zentrum ein wenig ausgebremst, die Verzögerungen konnten nicht wieder eingeholt werden. Als am Ende auch noch der vorgesehene Ehrengast für das „Richtfest“, Ministerpräsident Olaf Lies, abgesagt hatte, machte das Saatzuchtunternehmen aus der Situation das Beste und feierte trotzdem das Fest – eine Mischung aus Grundsteinlegung und Richtfest. Mit dabei waren neben den beteiligten Handwerkern auch Vertreter aus Wissenschaft, Forschung und Politik. Als Vertreter des Landes Niedersachsen mauerte der Leiter der Staatskanzlei, Frank Doods (Einbeck-Kreiensen), gemeinsam mit KWS-Vorstandssprecher Dr. Felix Büchting eine Zeitkapsel in eine Mauer des neuen, 4600 Quadratmeter großen Gebäudes, das 2027 bezogen werden soll. Doods dankte KWS für eine mutige unternehmerische Entscheidung, das Phytopathologie-Zentrum in Einbeck zu bauen. „Das ist ein starkes Signal und ein klares Bekenntnis zum Forschungsstandort Deutschland und zu Einbeck“, sagte Büchting.

Mit dem Neubau stärke KWS den Haupt- und Forschungsstandort in Einbeck und investiere gezielt in die Erforschung von Pflanzengesundheit sowie die Entwicklung widerstandsfähiger Sorten für eine nachhaltige Landwirtschaft, erklärte der Vorstandssprecher. Denn auch wenn KWS in diesem Jahr 170 Jahre alt werde, sei der 25 Millionen Euro teure Neubau kein Geburtstagsgeschenk, sondern „ein integraler Baustein unserer Strategie“, sagte Büchting. In dem zweigeschossigen, 4600 Quadratmeter großen Neubau entstehen Arbeitsplätze für rund 35 Mitarbeiter. In 28 Kabinen können in dem hochmodernen Gewächshaus unterschiedlichste klimatische Bedingungen abgebildet werden. KWS könne mit dem neuen Phytopathologie-Zentrum bessere Antworten auf drängende Fragen der Landwirtschaft zur Pflanzengesundheit geben, erläuterte Büchting. Pflanzenschädlinge und Pflanzenkrankheiten führten zu hohen Ertragsverlusten, der Klimawandel, neue Schädlinge und Erreger erhöhten den Krankheitsdruck weiter, sagte Büchting. In dem neuen Zentrum könne KWS Schädlinge und Pathogene früher identifizieren und bewerten und dabei innovative Methoden zur Erforschung des Zusammenspiels von Pflanze und Krankheitserreger einsetzen, dabei Züchtung und Forschung enger verzahnen. Im Ergebnis seien widerstandsfähigere Sorten das Ziel, die der Landwirtschaft stabilere Erträge bringen und mehr Sicherheit unter den sich verändernden Bedingungen bieten.
Züchtung sei und bleibe der Motor für KWS, sagte Felix Büchting. Das Unternehmen begrüße deshalb die jüngste Entscheidung der Europäischen Union, Technologien wie das Genome Editing nicht mehr allein für die Forschung, sondern auch für Produktentwicklungen einsetzen zu dürfen. Mit diesem Schritt schaffe die EU einen modernen, wissenschaftsbasierten Rahmen, der Innovationen in der Pflanzenzüchtung unterstütze und zugleich Transparenz sicherstelle. Mehr als acht Jahre habe man auf diese Entscheidung gewartet, auf sie hingearbeitet, aber als ein in Generationen denkendes Familienunternehmen schockiere KWS dieser Zeitraum nicht. Die Zusammenarbeit in der Life-Science-Region Südniedersachsen zwischen den Forschungsorganisationen und Unternehmen sei eng und vernetzt, es gebe einen engen Austausch untereinander. An die Vertreter der Politik appellierte Büchting, in der Region Südniedersachsen und Einbeck die Voraussetzungen zu schaffen, dass KWS im Wettbewerb um die Talente bestehen könne. Heute arbeiteten bei KWS Menschen aus 50 Nationen. Ob internationale Fachkräfte mit ihren Familien in die Region kommen, hänge nicht allein von zusagten Forschungsgeldern ab, sondern auch davon, ob hier die Voraussetzungen zum Leben attraktiv seien.
Vielen sei nicht bewusst, welche weltweit operierenden großen Unternehmen es in Niedersachsen gebe, sagte der Leiter der Staatskanzlei des Landes Niedersachsen, Frank Doods. Es gelte, dies noch sichtbarer zu machen – auch die vielfältigen, notwendigen Verbindungen zu Wissenschaft und Forschung. Für eine gute Arbeit benötigten Unternehmen wie KWS stabile Rahmenbedingungen und nicht kurzfristige politische Reflexe. KWS trage dazu bei, dass die durch die neue Landeskampagne „Niedersachsen ist groß“ vorgestellte Erzählung auch glaubwürdig sei. Ihm sei es eine große Ehre, für das Land Niedersachsen Danke zu sagen. Frank Doods wünschte einen weiterhin unfallfreien und einen planmäßigen Verlauf auf der Baustelle.
Gemeinsam mit Frank Doods bettete Felix Büchting eine unter anderem mit Geschäftsbericht, Firmeninformationen und einer Tageszeitung gefüllte Zeitkapsel in eine Mauer des Neubaus, fest gemauert und unterstützt von Maurer Uwe Meier. Büchting dankte allen Handwerkern und den beteiligten Unternehmen für die Arbeiten unter auch mal erschwerten Bedingungen auf der Baustelle.







Im Jahr 2013 hatte die rot-grüne Koalition unter Ministerpräsident Weil Niedersachsen für „gentechnikfrei“ erklärt. Nach einem ernüchternden Gespräch mit der Landesregierung gründete die KWS daraufhin ein neues Forschungszentrum in den USA. Zahlreiche hochqualifizierte Arbeitsplätze entstanden im außereuropäischen Ausland statt in Niedersachsen.
Im Jahr 2026 scheint die rot-grüne Regierung nicht ausschließen zu wollen, dass Forschung nicht nur unkalkulierbare Risiken birgt sondern auch die Chance für zukünftigen Wohlstand sein könnte. Die Abwesenheit des Ministerpräsidenten Lies lässt allerdings Zweifel an dieser optimistischen Sicht aufkommen.