Aktionärstreffen: Einbecker Brauerei wandelt sich zum Getränkehersteller, das Bier bleibt aber Herzstück

(c) Foto: Frank Bertram

Der Andrang war groß, auch die zusätzlich aufgestellten Sitzbänke reichten letztlich nicht für alle: 582 Aktionäre waren heute zur Hauptversammlung der Einbecker Brauhaus AG erschienen, die erstmals seit vielen Jahren auf Wunsch vieler Aktionäre wieder in der Verladehalle der Brauerei stattgefunden hat. Trotz oder wegen der schlechten Bilanzzahlen für das Geschäftsjahr 2025 war das Interesse groß, auch zu vielen, teils kritischen Fragen („Tradition zahlt keine Dividende“, „die Bilanzzahlen sind ein bitteres Gebräu, da vergeht einem der Durst“) waren die Anteilseigner aufgelegt, so dass Robert A. Depner erst nach rund drei Stunden seine letzte Hauptversammlung als Aufsichtsratsvorsitzender schließen konnte. Depner war 29 Jahre lang im Aufsichtsgremium tätig, dem er seit 2004 vorstand.

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Viel Neues aus dem Brauhaus präsentierte Vorstand Marc Kerger, unter anderem die Zero-Variante der Hanse-Cola, der Blutorange, des Headbanger-Biers. In der Dose soll es auch das Null Bock geben. Foto: Frank Bertram

Die Einbecker Brauhaus AG habe „ein heftiges Jahr 2025“ hinter sich, sagte Vorstand Marc Kerger. „Für mich persönlich das mit Abstand herausforderndste meiner Laufbahn, für meine Mitarbeiter ein sehr schweres und belastendes Jahr.“ 112 Beschäftigte hatte Unternehmen Ende 2025, aktuell sind es 105, Ende 2026 sollen es unter 100 sein. Am Ende des Geschäftsjahres 2025 stand ein Bilanzverlust von rund 1,6 Millionen Euro, von 22 Mitarbeitern musste sich das Unternehmen sozialverträglich trennen, das sei nicht angenehm, aber nicht zu handeln wäre fahrlässig gewesen. „Wir sind nicht stolz auf das Ergebnis – aber wir sind stolz auf die Kraft, die wir alle gemeinsam aufgewendet haben, das Ruder herumzureißen“, sagte Kerger. „Wir haben reagiert und damit die Basis für die nächsten Jahre gelegt.“ Die Liquidität sei stabil. Die klassische Brauerei werde sich zu einem breit aufgestellten Getränkehersteller entwickeln – entwickeln müssen, wolle sie nicht irgendwann in den Schließung-Schlagzeilen landen wie Oettinger in Braunschweig, Hütt in Kassel-Baunatal oder zuletzt Herforder. Die Trends von leichteren oder alkoholfreien Bieren könne man nicht ignorieren, weshalb die Einbecker in mehreren Bereichen auf neue Produkte und Wachstum setze. „Wir lieben unsere Biere, und sie werden immer unser Herzstück bleiben“, sagte Marc Kerger unter dem Beifall der Aktionäre. Mit dem neuen Produkt „Headbanger“ bauen die Einbecker eine Marke in der „Stammkategorie“ Bier auf, sogar deutschlandweit gedacht. Das zum Produkt passende Festival am 22. August in Einbeck werde kostendeckend sein, prognostierte Kerger. 1500 Hektoliter habe man von dem Dosen-Lagerbier bereits abgesetzt, am Ende des Jahres seien 3500 Hektoliter geplant.

Teilweise schon eingeführt sind die Hanse-Brause Cola Zero und die Einbecker Blutorange 0.0 Prozent, die das bislang alkoholhaltige Mischgetränk ersetzt. Als nächste Produkte folgen das alkoholfreie Bockbier „Null Bock“ in der 0,33-Liter-Dose und „Headbanger Zero.Zero“ als alkoholfreie Variante des gleichnamigen alkoholhaltigen Lagerbiers. Richtig innovativ wird die Brauerei mit „Hoppy“ und „Solum“. Die Einbecker bedienen damit erstmals den neuen Trend der so genannten Funktionsgetränke. Hierzu gehört auch „Beer Mate“, ein Bier-Mate-Mix für die studentische Zielgruppe. Zu den neuen Produkten zählt auch das „EIN Pale Ale“, der Nachfolger des 100-er, das die Zusammenarbeit mit Landwirten der regionalen Braugerste fortsetzt.

In den ersten fünf Monaten 2026 liegt die Einbecker Brauhaus AG nach den Worten ihres Vorstands über dem konservativ kalkulierten Plan. Im Geschäftsjahr 2026 plant das Unternehmen noch einen Fehlbetrag im mittleren sechsstelligen Bereich ein, bevor 2027 wieder ein positives Jahresergebnis vorgelegt werden soll.

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Sagte „Auf Wiedersehen und Prost“: Robert Depner war 29 Jahre im Aufsichtsrat, stand seit 2004 an der Spitze des Aufsichtsgremiums.

„Auf Wiedersehen und Prost!“ – so verabschiedete sich der Rheinländer Robert A. Depner (Bergisch-Gladbach) als Vorsitzender des Aufsichtsrates von den Aktionären. Fast drei Jahrzehnte gehörte er dem Gremium an, war seit 2004 Vorsitzender. „Das ist ein Stück Leben“, räumte Depner ein. In dieser Zeit hätten nicht alle Entscheidungen bequem sein können, er habe auch mal den Finger in die Wunde legen müssen, „damit aus Tradition nicht Nostalgie, sondern Zukunft wird“, wie er sagte. Ein Unternehmen wie die Einbecker Brauhaus AG lebe nicht allein von den Zahlen und Rezepturen, sondern von den Menschen, die dort arbeiteten und eine Gemeinschaft bilden. Eine Brauerei sei immer auch ein Stück Heimat, und die Einbecker Brauerei habe etwas gehabt, was man nicht habe kopieren können. Deshalb gehe er mit dem berühmten lachenden und weinenden Auge – Depner wünschte sich, dass die Aktionäre beim nächsten Bier gedanklich mit ihm anstoßen würden, er jedenfalls werde das tun. Sein Stellvertreter Jürgen Brinkmann würdigte das Wirken Robert A. Depners, er sei immer hart in der Sache, aber konziliant im Ton gewesen. Depner habe kurze wie lange Hauptversammlungen geleitet, immer auch ein wenig als Entertainer. Legendär sei das Aktionärstreffen 2013 dabei in Erinnerung geblieben, das im Wilhelm-Bendow-Theater am Ende sieben Stunden dauerte. Gefehlt habe Depner bei keiner Versammlung in den 29 Jahren seit September 1997 im Aufsichtsrat, sagte Brinkmann. Kein Aufsichtsrat und kein Vorstand habe länger bei der Einbecker Brauerei durchgehalten als Robert A. Depner. Vorstand Marc Kerger dankte Depner für Ratschläge und Menschlichkeit in den vergangenen Jahren. „Sie werden mir fehlen.“ Verabschiedet aus dem Aufsichtsrat wurden die Arbeitnehmervertreter Marcus Seidel und Irina Bohne. Ihre Nachfolge wird separat bestimmt.

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Abschied aus dem Aufsichtsrat (v.l.): Marcus Seidel und Irina Bohne mit Vorstand Marc Kerger sowie dem bisherigen Aufsichtsratsvorsitzenden Robert A. Depner. Foto: Frank Bertram

Bei den Neuwahlen zum Aufsichtsrat für die Periode bis 2031 wurden Jürgen Brinkmann, Kai-F. Binder und Gerhard Mertes in ihren Mandaten bestätigt. Neu in dem Gremium ist Michael Bartholl (München), der ehemalige Vorsitzende der Zentralgeschäftsführung der Franken-Brunnen-Unternehmensgruppe, Neustadt an der Aisch, der zuvor schon bei Holsten und Paulaner arbeitete und als Fachmann für Transformation von Getränkeunternehmen beschrieben wird. Der 63-Jährige erhielt mit rund 75 Prozent das schlechteste Ergebnis bei den Wahlen zum Aufsichtsrat – vielleicht auch, weil Bartholl wegen eines Segeltörns in Griechenland nicht persönlich anwesend war und sich lediglich per Videobotschaft vorstellte.

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Per Videobotschaft stellte sich das neue Aufsichtsratsmitglied Michael Bartholl den Aktionären in der Verladehalle vor. Fotos: Frank Bertram
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Geht von einem kostendeckenden Headbanger-Festival am 22. August aus: Vorstand Marc Kerger. Foto: Frank Bertram

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