Stadtmuseum Einbeck soll ein lebendiger Ort der kulturellen Begegnung werden

(c) Foto: Frank Bertram

Vor nicht einmal einem Jahr hat sie die Leitung des Stadtmuseums übernommen, und weil sie sich als bisherige Museumspädagogin nicht erst groß intern einarbeiten musste, konnte Dr. Imke Weichert schon an verschiedenen Ecken Neuerungen anstoßen. Deutlich mehr Leben bei Veranstaltungen ist beispielsweise seit einigen Monaten im Museum Auf dem Steinwege zu registrieren, hinzu kommen Sonderausstellungen, die zu einem Besuch des Stadtmuseums motivieren. Jetzt werden auch in der Dauerausstellung deutlich neue Impulse sichtbar. Imke Weichert wünscht sich das Stadtmuseum stärker als Wissensspeicher, möchte mehr Besucher aus Einbeck und Umgebung erreichen. Das Haus soll „ein lebendiger Ort der kulturellen Begegnung“ sein, ist das Ziel von Dr. Imke Weichert und ihrem Museumsteam. Drei neue Bereiche hat sie jetzt vorgestellt.

Einbecker Ecke

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Oleg Kirieiev macht in der neuen „Einbecker Ecke“ den Anfang mit seiner Idee eines digitalen Archivs beispielsweise für die 47 Löwenköpfe an den Zaunpfosten am Ostertor. Foto: Frank Bertram

In der „Einbecker Ecke“, dem Museumscafé, können künftig Einbecker Kunst, Kunsthandwerk oder Literarisches in kleinem Rahmen zeigen. Ob Fotografien, Kunstwerke oder eigene Texte, das Museumscafé wird zum Forum für Einheimische, zur Plattform für Denkanstöße. Den Beginn macht der Ingenieur Oleg Kirieiev, der an einem digitalen Archiv für Kulturgüter arbeitet, einem 3D-Gedächtnis für die gesamte Stadt. Er zeigt bis Ende Juli Exponate aus dem 3D-Drucker, die als detailgetreue Nachbildungen von Kulturobjekten auf diese Weise erhalten bleiben. Beispielsweise können so beschädigte Löwenköpfe der prächtigen Zaunpfosten der Stukenbrokvilla am Ostertor unkompliziert ausgebessert werden. Denn Jahrzehnte der Verwitterung haben ihre Spuren hinterlassen, Risse und Abplatzungen führen zu fehlenden Details. In der Ausstellung können Besucher die Original-Abgüsse der Löwenreliefs anschauen und das Ergebnis der digitalen Restaurierung mit eigenen Augen erleben. Die magnetisch befestigten Ergänzungsteile lassen sich abnehmen. Mit Hilfe präziser 3D-Scantechnologie wurden die Reliefs vollständig digital erfasst, ein digitales Mastermodell erstellt und fehlende Elemente am Computer rekonstruiert. Die restaurierten Teile wurden anschließend im 3D-Druckverfahren gefertigt und passgenau an den beschädigten Reliefs befestigt. Für das Beispiel wurde Kunststoff verwendet, es seien aber viele andere Materialien denkbar, sagt der aus der Ukriane stammende Oleg Kirieiev. So wie bei den Löwenreliefs könne man bei vielen weiteren Kunstgegenständen vorgehen. Museumsleiterin Dr. Imke Weichert sagte, dass beispielsweise der berühmte, wertvolle und nur in Hannover sichtbare Niello-Kelch von Iber nachgearbeitet wird, so dass die Replik bald jeder gefahrlos in die Hand nehmen kann.

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47 historische Löwen-Reliefs gibt es am Zaun der Stukenbrokvilla am Ostertor, die teilweise verwittert sind. Dank 3D-Druck kann Ersatz einfacher modelliert werden. Foto: Frank Bertram

Treffpunkt Milchbock

Unter dem Titel „Treffpunkt Milchbock“ steht ein eigener Raum für die Ortschaften Einbecks zur Verfügung. Neben einer großen, visuell beeindruckenden Karte mit „Visitenkarten“ der 46 zu Einbeck gehörenden Ortschaften präsentieren sich die Dörfer mit spannenden Exponaten und Dokumentationen sowie Wissenswertem über die Orte nacheinander abwechselnd im Museum. Den Beginn macht Ahlshausen mit einer Milchzentrifuge und einem Sieb sowie einem historischen Ortsschild als Exponaten. Im Juli soll der nächste Ortsteil präsentiert werden, geplant ist eine alphabetische Reihenfolge der Ortschaften. Von dieser Regel könne aber selbstverständlich abgewichen werden, sagte Dr. Imke Weichert. Beispielsweise, wenn Dörfer oder prägende Denkmale in den Orten Jubiläen feiern. Das Stadtmuseum heiße zwar Stadtmuseum, aber die 46 Ortschaften gehörten selbstverständlich zu Einbeck dazu, Pläne für die Integration der Dörfer in die Museumsausstellung gebe es schon längere Zeit, sagte Weichert. Mit dem jüngsten, mittlerweile vergriffenen Dörfer-Buch habe es eine gute Grundlage gegeben, in Zusammenarbeit mit den Ortsheimatpflegern rund um den Beauftragten für die Ortsheimatpflege, Marco Strohmeier, hat sich das Museum mit Details versorgt und „das Besondere“ der Ortschaften gesucht. Mit dem neuen Format „Treffpunkt Milchbock“ wurde die konkrete Möglichkeit geschaffen, einzelne Dörfer gezielt in den Mittelpunkt zu rücken. In diesem Rahmen sollen Ortschaften ihre Geschichte, Besonderheiten und Geschichten aus dem Dorfleben eigenständig präsentieren können – lebendig, nahbar und mit persönlichem Bezug. Weichert rief die Ortsheimatpfleger dazu auf, sich aktiv einzubringen und diese Plattform zu nutzen. Digitale Dokumente und Fotografien laufen in einem Kurzfilm über einen Monitor, der vom Einbecker Geschichtsverein finanziert wurde. Schon jetzt stoße der Ausstellungsbereich auf große Resonanz und locke vor allem Besucher aus den Einbecker Ortschaften ins Museum, freut sich Leiterin Dr. Imke Weichert. Benannt ist der Dörfer-Raum mit „Treffpunkt Milchbock“, initiiert von Ahlshausen. Milchböcke waren früher für die Milch wichtig, sozusagen eine Haltestelle für Kannen, auf die die Landwirte ihre Milch zur Abholung durch die Molkerei stellten. Sie sind teilweise bis heute soziale Treffpunkte, nicht nur der Jugend im Dorf. Der Name „Treffpunkt Milchbock“ wird als Begriff für den Ortschaftsraum bleiben, auch wenn es gar nicht um Milch, wohl aber immer um die Eigenschaft als sozialer Treffpunkt geht.

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Treffpunkt Milchbock: Hier im Stadtmuseum werden die 46 Ortschaften künftig abwechselnd über ihre Dörfer informieren. Foto: Frank Bertram
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Ganz schon groß, ganz schön vielfältig: Auf einer Karte sind im Stadtmuseum jetzt alle 46 Ortschaften mit kurzen „Visitenkarten“ zu finden. Foto: Frank Bertram
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Ein neuer Film macht die Ausmaße der historischen Stadtbrände deutlich. Foto: Frank Bertram

Stadtbrände

Über den großen Stadtbrand von 1540, der die Altstadt komplett vernichtete, sowie weitere Stadtbrände im Laufe der Jahrhunderte gibt es einen neuen Film (erstellt von WeTellmedia), der die Ausmaße visuell sehr gut deutlich macht. Er ist Teil des neu gestalteten Dauerausstellungsbereichs im Stadtmuseum „Einbecks Einäscherung“. Natürlich wird hier noch einmal die Geschichte des Brandstifters Heinrich Diek erzählt, erfahren Besucher mehr zu den Hintergründen der Tat, über den Käfig und Herzog Heinrich den Jüngeren als eigentlichem Initiator der Tat in den Jahrzehnten der Glaubensauseinandersetzungen. Zu sehen in diesem Bereich sind unter anderem ein um 1700 entstandener Feuereimer aus Leder und Holz, mit dem einstmals Brände bekämpft wurden, oder das Turmwächterhorn aus dem 18./19. Jahrhundert, mit dem vom Marktkirchturm vor Feuer gewarnt wurde. In einer Vitrine sind Gegenstände zu sehen, die bei verheerenden Stadtbränden in abgebrannten Häusern übrigblieben: ein Fingerhut für die Näharbeit, eine Gürtelschnalle. Dass Stadtbrände bis in die heutige Zeit zur Bedrohung für eine Stadt werden können, erfahren die Besucher durch Informationen über den Brand in der Langen Brücke 2005, einer Brandstiftung durch den Hauseigentümer. Einige verbrannte Fachwerkbalken konnten gerettet werden und sind nun im Museum zu sehen.

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Eine der neuen Ecken im Museum zeigt Leiterin Dr. Imke Weichert hier über die Stadtbrände 1540. Foto: Frank Bertram
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Über die Stadtbrände in Einbeck, vor allem den von 1540, informiert das Stadtmuseum in einer neu gestalteten Ausstellungsecke. Foto: Frank Bertram

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