Die aktuelle Sonderausstellung „Einkaufsgeschichten aus Einbeck und den Dörfern“ im Stadtmuseum wächst: Ulrich Hoppe hat nach Schließung des vor 100 Jahren von Karl Schrader in der Baustraße gegründeten Fachgeschäfts „Farben Schrader“ mehrere Leihgaben zur Verfügung gestellt, die Einbecker Wirtschaftsgeschichte dokumentieren. Dafür wurde eigens in der zweiten Etage des Museums die Sonderausstellung erweitert. Familie Hoppe hat die Leihgaben jetzt offiziell dem Team des Stadtmuseums übergeben – und dabei weitere spannende Geschichten erzählen können. Die Sonderausstellung ist bis 26. Oktober zu sehen während der Öffnungszeiten des Stadtmuseums (Dienstag bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr).
Ein besonderer Hingucker dieser kleinen „Satellitenausstellung“ im zweiten Obergeschoss ist das vom bekannten Einbecker Maler Kurt Hensel (1882-1948) gemalte Portrait des Unternehmensgründers Karl Schrader (1887-1967). Hensel kaufte wie andere Einbecker Maler ihrer Zeit sämtlichen Künstlerbedarf bei „Farben Schrader“. Neben Hensel gehörten auch Josef Wenzel, Rudolf Schulze-Eres oder Franz Cestnik zur gern gesehenen Kundschaft in der Farbenhandlung. Durch die Freundschaft mit dem nahezu gleichaltrigen Maler Kurt Hensel entsteht 1936 das Porträt des Malermeisters Karl Schrader, das in der Ausstellung zu sehen ist. Dargestellt ist auf dem Ölgemälde der Unternehmensgründer, der in seinem Büro dem Tagesgeschäft nachgeht und wie beiläufig von einem Schriftstück aufsieht. Mit festem Blick schaut er dem Betrachter in die Augen. Im Hintergrund des Malermeisters werden einige Pigmente und Farben angedeutet, die sich in Glasgefäßen in einem Regal befinden und als Attribute auf den Beruf Karl Schraders hinweisen sollen. Bevor er das Geschäft 1925 eröffnete, war der Malergeselle Karl Schrader unter anderem in Meran auf Wanderschaft gewesen, hatte mit an der Ausmalung der Decke der Hildesheimer Michaeliskirche gewirkt.

Karl Schrader eröffnete die Farbenhandlung am 1. Januar 1925 Jahren in der Baustraße 5. Er gibt ihr den Namen „Kasch“, der sich aus seinem Vor- und Nachnamen zusammensetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der Betrieb von Schwiegersohn Fritz Grass und dessen Ehefrau Gertrud weitergeführt. Erweitert wird der Betrieb um eine Autolackiererei. Diese existiert bis heute in Einbeck und wird von Sandra Grass geführt. Die Farbenhandlung geht zunächst in die Hände von Karl Schraders Töchter Margarete und Lieselotte über. 1953 übernimmt dann Gerhard Hoppe, Ehemann von Lieselotte Hoppe, geb. Schrader, das Geschäft und entwickelt es mit ihr zusammen mit viel Engagement weiter. Sohn Ulrich Hoppe wird ab den 1970-er Jahren in das Unternehmen eingeführt und übernimmt es ab 1993 als Inhaber. Zuvor absolvierte er eine Ausbildung und ein Studium der Farben-Psychologie in Salzburg, war ab 1984 als Großhändler der Naturfarbe Livos im Raum zwischen Helmstedt und Kassel unterwegs, hat dort auch Naturkosthändler geschult, die damals oftmals diese Naturfarben angeboten haben.
1981 wurde die Farbenhandlung umgebaut und um eine Teppichabteilung in dem Gebäudeteil erweitert, das zuvor viele Jahre lang „Herberge zur Heimat“ war, die geschlossen worden war. Ulrich Hoppe machte sich einen Namen, in dem er auf neue Produkte wie die Naturfarben in seinem Sortiment setzte, auch die von Hand angemischten Farbtöne unter anderem für Autolacke kommen bei der Kundschaft gut an. Auch für viele Fachwerkhäuser habe er die Farben gemischt, erzählt Ulrich Hoppe, der Ende Mai aus gesundheitlichen Gründen den Laden geschlossen hat. Für die Rats-Apotheke (Ochsenblutrot) stellte er nach den Vorgaben der Denkmalpflege den Farbton zusammen, auch für das Eicke’sche Haus in seiner monochromen Fassung bei der Sanierung 2006. Ulrich Hoppes Großvater Karl Schrader hatte als Lehrling noch dabei geholfen, die Holzschnitzereien des Eicke’schen Hauses bunt zu malen. „Auch ich musste erst von der einfarbigen Fassung überzeugt werden“, gibt Ulrich Hoppe zu.
Zu sehen in der „Satellitenausstellung“ ist auch das langjährige, eine bunte Farbpalette zeigende Auslegerschild aus den 1980-er Jahren, das bis zum 30. Mai 2025 an der Fassade des Hauses Baustraße 1-5 hing.
Zum Anfassen und Durchblättern liegt ein aus den 1970-er Jahren stammendes Tapetenmusterbuch aus Einbecker Produktion bereit. Einige der Tapeten mit bunten Farben und wilden Mustern wurden damals noch in Einbeck in einer der Tapetenfabriken hergestellt.
1975 feierte „Farben Schrader“ sein 50-jähriges Bestehen. Anlässlich dieses Jubiläums wurde ein Foto, das einen Messestand für Farben und Lacke, Materialien und Utensilien für Malerei und Anstrich zeigt, auf eine Spanplatte groß aufgezogen. Deutlich zu erkennen ist die frühe Firmenbezeichnung „Kasch“, die sich aus den Vor- und Zunamen zusammensetzte. Rechts auf der großformatigen Ansicht ein Goethe-Zitat: „Farben sind die Taten des Lichts“. Firmengründer Karl Schrader wurde dabei in den Messestand montiert, dabei war ein weiteres Einbecker Fachgeschäft behilflich: Foto Gutbrod.
Eine über Jahrzehnte lang benutzte Farbabtropfschale ist selbst beinahe schon ein eigenes Kunstwerk – und in einer Vitrine zu sehen. Über Jahre wurden in der Keramikschale die Holzstücke abgelegt, mit denen die Farben angerührt worden waren. So haben sich unzählige einzelne Farbschichten abgesetzt. Zusammen mit historischen Flaschen für Lacke und Malmittel aus der Zeit Karl Schraders ist eine sehenswerte Erweiterung der „Einkaufsgeschichten“ gelungen.
Die im Mai eröffnete Sonderausstellung „Einkaufsgeschichten aus Einbeck und den Dörfern“ macht sichtbar, wie sich Einkaufsorte und Einkaufsgewohnheiten über die Jahrzehnte verändert haben: vom lebendigen Fachgeschäft in der Innenstadt über verschwundene Lebensmittelgeschäfte in den Wohnvierteln und auf dem Land bis zum Siegeszug der Supermärkte und Einkaufszentren. Weil sich „Einkaufsgeschichten“ nicht als abgeschlossene Dokumentation versteht, sondern als offenes, wachsendes Erinnerungsprojekt, kamen die neuen Leihgaben von „Farben Schrader“ sehr willkommen.



