Gemeinsame Erinnerungen mit Schwingungen

(c) Foto: Frank Bertram

Von Frank Bertram

Es geht nur gemeinsam. Was sind die Menschen auf der Bühne ohne die Menschen in den Zuschauerreihen? Und umgekehrt? „Wir machen das zusammen“, wünschte sich die Künstlerische Leiterin der „Kulturkrafttage“, Julia Hansen, bei der Begrüßung. Zum vierten Mal fand das Festival für Sprache und Musik in Einbeck statt. Dort im PS-Speicher, wo es oftmals um schnelle und alte Autos geht, zählten der junge Moment und ruhige Klänge. Der Augenblick, in dem sich die Kraft von Kultur entfaltet. „Und diese Erinnerungen nehmen wir einfach mit“, appellierte Julia Hansen ans Publikum. Sie dankte allen Besuchern für die Leidenschaft, die sie mit den Künstlern auf der Bühne teilen.

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Zum Finale: Balladen-Matinee mit jazzigen Wagner-Improvisationen. Foto: Frank Bertram

Als bei der Matinee zum Abschluss tragische Balladen von Schiller, Heine, Fontane, Ringelnatz oder Goethe mit jazzigen Wagnerklängen gemischt wurden, war das Publikum begeistert und dankte mit Ovationen im Stehen. Ebenso eindringlich war der Eröffnungsabend mit Pianist Yoav Levanon, der nach Bach, Chopin und Liszt als Zugabe eine Eigenkomposition spielte. In der PS-Halle hätte man in dem kurzen Moment zwischen den letzten Tönen und dem aufbrausenden Beifall die berühmte Stecknadel fallen hören. Vier Tage lang entfaltete sich dort „ein Kulturwochenende der Extraklasse“, wie Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek sagte. „Da kommt was in Schwingung.“

Die Besucher erlebten auch in diesem Jahr ein abwechslungsreiches Programm mit vier Konzerten. Dazu kamen eine Plauderei zur Marktzeit und eine Matinee. Bei der sollte am Sonntag Mittag „Der Schlaf der Vernunft“ als tragische Balladen-Mischung die Augen vor Ängsten und Schrecknissen öffnen. Das bewährte Lese-Duo Julia Hansen und Heikko Deutschmann wurde erneut von dem Pianisten Jörg Siebenhaar, dem Perkussionisten Rhani Krija sowie dem Saxophonisten Thomas Zander begleitet.

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Dicht dabei und umrahmt von Oldtimern: Stephan Braun (l.) am fünfsaitigen Cello und Arne Jansen an der Gitarre mit Improvisationen der Dire Straits. Foto: Frank Bertram

Bewusst vor die Eröffnung des eigentlich dreitägigen Programmes positioniert war nach der erfolgreichen Premiere im vergangenen Jahr wieder die „Kulturkraftstunde“ im Forum des PS-Speichers mit Möglichkeiten zum Stehen und zum Sitzen. Hier spielten und improvisierten Arne Jansen (Gitarre) und Stephan Braun (Cello) die bekanntesten Lieder der „Dire Straits“ auf eine Weise, dass man die millionenfach verkauften Gassenhauer („Brothers in Arms“ oder „Calling Elvis“) teilweise erst ganz spät erkannt hat und sich dadurch neu für sich entdecken konnte. Stephan Braun vermag dank einer zusätzlichen tiefen Saite auf dem Cello und ungewöhnlicher Spieltechniken die Funktionen einer ganzen Band zu übernehmen. Die „Kulturkraftstunde“ soll künftig als dauerhafter Bestandteil zum Festival gehören. 

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In der Sparkasse: Charles Brauer im heiteren Gespräch mit Frank Stefan Kimmel. Foto: Frank Bertram
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Karl-Heinz Rehkopf und Charles Brauer. Foto: Frank Bertram

Die „Kulturkrafttage“ leben auch immer von neuen Impulsen. Was im vergangenen Jahr der Start mit der kompakten Kulturkraftstunde im Forum des PS-Speichers war, ist jetzt das einstündige Gespräch mit Schauspieler Charles Brauer zur Marktzeit am Sonnabend Mittag in der Sparkassen-Passage gewesen. Die Plaudereien mit Frank Stefan Kimmel als behutsamem Fragesteller kamen beim Publikum bestens an – so gut, dass sich manche eine Wiederholung von Veranstaltungen an diesem Ort auch zu anderen Zeiten sehr gut vorstellen können. War doch der Zugang zur Kultur ein sehr, wie man sagt, niedrigschwelliger: Besucher konnten stehen bleiben und den Erzählungen aus dem langen Schauspielerleben des gebürtigen Berliners Charles Brauer lauschen, nachdem sie etwa am Geldautomaten waren oder bei ihren Wochenmarkt-Einkäufen die Passage als Abkürzung vom Marktplatz zur Knochenhauerstraße nutzten. Charles Brauer berichtete im Rückblick auf 75 Jahre deutsche Film- und Theatergeschichte von vielen Rollen. Entdeckt im Nachkriegs-Berlin als Elfjähriger, spielte Brauer unter Gründgens, Tabori und manch anderen Regie-Größen. Und natürlich musste die Sprache irgendwann auf den „Tatort“ kommen. Ein wenig seufzend zog Brauer dabei die Augenbraue hoch, wird er ja immer wieder auf das Kommissar-Duo Brockmöller/Stöver mit Manfred Krug angesprochen. Die Zuhörer im Sparkassen-Forum erfuhren, wie es zu den musikalischen Duetten im „Tatort“ kam (bei Dreharbeiten auf Neuwerk) und dass die Lieder mit Klavier und Mundharmonika anschließend nochmal nachsynchronisiert wurden – von richtigen Musikern. Die wohl schönste Anekdote erzählte am Ende aber PS-Speicher-Stifter Karl-Heinz Rehkopf (88), der vor zwei Jahren Charles Brauer (wird in diesem Jahr 90) mit einem Jaguar E-Type-Oldtimer vom Bahnhof Salzderhelden abgeholt hatte (und den Koffer mit seinem Hosengürtel am Fahrzeug festband), beide sagen inzwischen seit einem Abend im „Hasenjäger“ Charly zueinander.

Die „Kulturkrafttage“ haben auch bei ihrer vierten Auflage von der großen Bandbreite des vielschichtigen Programmes gelebt. Zwischen den „Dire Straits“-Improvisationen unsterblicher Welthits von Mark Knopfler, den Trompeten-Sphären Till Brönners und der von Impro-Jazz umrahmten Ballade des „Erlkönig“ liegen mehrere Newtonmeter Kulturkraft. Aber genau das macht das Gesamtpaket „Kulturkrafttage“ so attraktiv. Wobei der Jazz in diesem Jahr schon sehr prägend war.

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Eröffnungskonzert: Yoav Levanon spielt Bach, Chopin, Liszt und noch viel mehr. Foto: Frank Bertram

Los ging es mit dem jungen israelischen Pianisten Yoav Levanon. Der 22-Jährige, von dem Kritiker schreiben, der Musiker habe alles, „um einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts zu werden“,  präsentierte dem Publikum anspruchsvolle Klavierklänge: Johann Sebastian Bachs Prelude in b-Moll, dessen Chaconne aus Partita No. 2 für Violine in d-Moll, Frederic Chopins Études Op.25 sowie Franz Liszt Etudes d’exécution transcendante, S139. Wer bis zur zweiten Zugabe durchhielt, durfte nicht nur eine Eigenkomposition des Pianisten hören, sondern durchaus humorige Popklänge mit Gesang.

Zur Blauen Stunde am Sonnabend hat Schauspielerin Margarita Broich aus Gustave Flaubert „Madame Bovary“ gelesen und mit den jungen Musikerinnen des Ensemble „Quinton“ (Alexandra Forstner/Flöte, Noah Plum/Horn, Lisa Wegmann/Klarinette, Fabian Sahm/Oboe und Victor König/Fagott) passend zum Text zu einem schwungvollen Programm verwoben. Zu hören waren Stücke von Jean Françaix und Astor Piazzolla und auch ein Tango Ballet. Während der Musik zwischen den Texten ihrer Lesung könne das Publikum die erzählte Geschichte weiter denken – oder aber ganz andere Gedanken haben, gab die zuletzt einem breiten Publikum aus dem Frankfurter „Tatort“ bekannte Schauspielerin den Zuhörern mit den Weg.

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„Nightfall“ in Einbeck: Till Brönner (Trompete) und Dieter Ilg (Bass). Foto: Frank Bertram

Als Till Brönner und Dieter Ilg „Late Night“ Trompete und Kontrabass auspackten, wurde die ausverkaufte PS-Halle zum großen Jazzklub. Das Programm war „Nightfall“ überschrieben, und die Nacht fiel über Einbeck. Inklusive „Gute Nacht“-Botschaft in der Zugabe: Gott, bleib‘ bei uns mit deiner Gnade. Vor diesem Kirchenlied hatte das Duo Brönner/Ilg musikalisch demonstriert, dass Jazz individuelle Freiheit bedeutet: Die musikalische Reise reichte von leidenschaftlichen Balladen bis hin zu mitreißenden Uptempo-Stücken. Sie spielten ihre Versionen von Songs der Beatles ebenso wie von Britney Spears, Stücke von Johnny Green und auch Eigenschöpfungen und Improvisationen. „Wenn man zu Musik Bilder sieht, dann ist sie gut“, sagte Till Brönner. Das Publikum kann daher selbst beurteilen, wie der Auftritt des Trompeten/Bass-Paars für sie war. Am Ende verriet Till Brönner, der auf einem Jesuitenkolleg in Bonn sein Abitur gemacht hat, eine frühe Parallele mit der Künstlerischen Leiterin der „Kulturkrafttage“: Als er damals seine ersten Trompetenklänge in der Schul-Bigband hatte, war Julia Hansen in der benachbarten Mädchenschule in der Jazzdance-Gruppe aktiv.

Die Bühnengespräche von Frank Stefan Kimmel mit den Künstlern als Vorspiele zu den Konzerten waren meist wieder sehr hilfreich, den Besuchern einige Informationen mitzugeben. Etwa die, dass der junge Pianist Yoav Levanon die Etudes Chopins mit Tapas vergleicht – im Programm könne man vieles häppchenweise probieren, mehrere Stilistiken austesten, dabei sein Ego zurücknehmen. Mit dem Piano könne er sich ausdrücken, das sei wie eine Partitur mit Tasten, erzählte er. Teilweise elf Stunden am Tag zu üben und zu spielen, sich unterschiedliche Interpretationen der Art und Weise, Bach zu spielen zu überlegen, das sei seine freie Entscheidung und ausschließlich Liebe: „It’s only love.“

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Applaus für Margarita Broich (l.) und das Ensemble „Quinton“ zur Blauen Stunde. Foto: Frank Bertram

Die Schauspielerin Margarita Broich startete eigentlich als Theaterfotografin, ist auch heute noch mit der Kamera aktiv, zeigte in Berlin eine Ausstellung mit Backstage-Portraits von Theaterkollegen. Ein ähnliches Projekt hatte auch Frank Stefan Kimmel vor einigen Jahren realisiert. Zur Bühne zog es Margarita Broich spät, erst nach ihrem Fotodesign-Studium. Das sei durchaus ein Unterschied zum am Theater älter werden, lachte sie: „Ich habe alt angefangen.“ Sie habe zwar am Theater begonnen und allein in Berlin an allen großen Bühnen gespielt, mit Regisseuren wie Heiner Müller, George Tabori oder Christoph Schlingensief gearbeitet, sei mehr als zehn Jahre Mitglied des Berliner Ensembles gewesen. Dreharbeiten seien im Kontrast zum rauen Theaterton („Dagegen ist eine Baustelle eine fröhliche Kaffeerunde“) freundlicher. Trotzdem hat sie den „Tatort“ jetzt wieder beendet, die Schublade geschlossen. Als Kommissarin sei sie immer neidisch auf die anderen Rollen gewesen, habe aber nie in anderen Produktionen eine Mörderin spielen dürfen, begründete die Schauspielerin. Das sei jetzt wieder anders. Zuletzt habe sie eine Hippie-Mutter spielen können, die Joints geraucht habe, erzählte Margarita Broich mit Amüsement.

Die vierten „Kulturkrafttage“ konnten mehr als 1750 Gäste begrüßen, bilanzierte der Veranstalter. Neuer Rekord. „Es ist uns besonders wichtig, die Menschen in Einbeck mit unserem Angebot zu erreichen und dennoch über die Stadtgrenzen hinaus, weit nach ganz Südniedersachsen zu strahlen. Das gelingt uns von Jahr zu Jahr ein Stückchen mehr“, freut sich Julia Hansen, Künstlerische Leiterin des Festivals, im Namen ihres Teams. Der Termin für die fünften „Kulturkrafttage“ 2026 steht bereits fest: Sie werden im kommenden Jahr vom 19. bis 22. März im PS-Speicher in Einbeck stattfinden.

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Im Forum des PS-Speichers mit Lanz Bulldog und Opel Olympia ermöglichte der Appetithappen direkte Nähe zu den Künstlern. Foto: Frank Bertram