Faszination Fahrradtour: Neue Sonderausstellung im Stadtmuseum Einbeck

(c) Foto: Frank Bertram

„Faszination Fahrradtour“ heißt die aktuelle Sonderausstellung des Stadtmuseums Einbeck. Die Schau stellt verschiedene Radfahrende mit ihren Zweirädern sowie den Geschichten von großen und kleinen Touren vor. „Radtouren sind kleine Alltagsfluchten“, sagte Museumsleiter Carl Philipp Nies zur Eröffnung. „Einfach aufsteigen, und dann kurze oder längere Strecken fahren, bei Fahrradtouren geht es um das unmittelbare Erleben der Fortbewegung durch die Landschaft, die Erfahrung von körperlichen Grenzen und die Bewältigung technischer Herausforderungen“, sagt Nies. „Damit sind sie ein Unternehmen, das Körper und Geist gleichermaßen anspricht.“ Für viele Tourradler liege gerade darin ihr Reiz. „Ob spontaner Ausflug in die nähere Umgebung oder eine gut geplante längere Reise, das entscheidet jede und jeder individuell“, sagt der Museumsleiter.

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Die Sonderausstellung ist eröffnet und bis 20. Oktober zu sehen, sagte Museumsleiter Carl Philipp Nies (r.). Foto: Frank Bertram

(Aktualisiert 24.08.2024, 18:30 Uhr)

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Die Sonderausstellung wurde durch die Leihgaben der Fahrräder von Stefan Michael Minta und Dirk Härtel initiiert, weitere Radlergeschichten kamen hinzu, eine kleine Ausstellung entstand. Auch die Geschichte von drei Göttinger Studenten im Jahr 1978 wird mit Fotos aufgegriffen, die von Einbeck aus mit gesponserten topmodernen Tourenrädern der Heidemann-Werke Einbeck (HWE) nach Afrika fahren wollten. Verabschiedet wurden die Studenten vom damaligen Firmenchef Gerhard Heidemann persönlich. Lange galt ein letzter Kontakt von Marseille aus als Beleg, dass die drei mit den HWE-Rädern nie Afrika erreicht haben. Recherchen für die Ausstellung haben jetzt jedoch gezeigt, dass sie zumindest auf den afrikanischen Kontinent gekommen sind, dort verläuft sich ihre Spur allerdings im Sand.

Das große Abenteuer suchte Dirk Härtel, als er mit Mitte 20 aus Peine zu einer Tour durch die Länder Nordwest-Afrikas aufbrauch. 300 Menschen haben ihn 1992 in seiner Heimatstadt verabschiedet. Es erwarteten ihn viele Strapazen, aber auch tolle Begegnungen und das Erlebnis grandioser Landschaften. Sein Fahrrad „Rossignole“ (Nachtigal), mit dem er später noch viele weitere Radreisen unternahm, ist ein Objekt der Ausstellung. Dem Zweirad sind die vielen Kilometer anzusehen, zwei Mal sei ihm bei dem Fahrrad die Hinterradnabe geplatzt, erzählt Härtel. Durch die Wüste habe er das Rad förmlich tragen müssen, und zwar mitsamt zehn Kilo Gepäck und 10 Litern Wasserration pro Tag. Entkräftet und mit Malariaverdacht habe er letztlich seinen Plan, Südafrika zu erreichen, aufgeben müssen. Was Dirk Härtel nicht davon abhielt, später zwei Mal mit dem Fahrrad zum Nordkap zu fahren (einmal stoppte ihn 150 Kilometer vorher jedoch zuviel Schnee) und fünf Mal nach Marokko.

Der Einbecker Stefan Michael Minta stellte dem Stadtmuseum als Leihgabe ein klassisches englisches Randonneur-Rad, ein typisches Reisefahrrad zur Verfügung. Dieses Traumrad der Markes Dawes konnte er auf abenteuerlichen Wegen während eines Urlaubs in England erwerben. Mehrtages-Touren führten Minta unter anderem in die kanadischen Rocky Mountains, auf die kurische Nehrung und die winterkalte Grenzregion von Estland zu Russland.

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Unverkennbar: Heidemann-Fahrrad von Jochen Prochnow aus Kreiensen. Foto: Frank Bertram

Eher ins nähere Umfeld zog es dagegen den Heimatforscher Jochen Prochnow (82) aus Kreiensen. Mit seinem Heidemann-Fahrrad „Amrum Touring“ war er oftmals vor allem in der Nachbarschaft unterwegs, bevor er das Rad dem Stadtmuseum als Schenkung übergab. Als Ortsheimatpfleger und Geschichtsinteressierter nutzt Prochnow das Fahrrad, um vom Sattel aus mit den Menschen ins Gespräch zu kommen bei seinen Recherchefahrten. Auf dem Leineradweg nach Freden ist der Kreienser 80 Mal in seinem 80. Geburtstagsjahr gefahren. Und hat dabei die historische Grenze zwischen Braunschweig und Hannover immer im Blick gehabt. Im Gespräch mit einem Landwirt gelingt es Prochnow sogar, einen verschollenen historischen Grenzstein in der Nähe des Radwegs wiederzufinden.

Touren mit dem Mountainbike, das ist der Stil von Marco Heckhoff, Fachbereichsleiter Bürgerservice der Stadt Einbeck. Die Ausstellung zeigt sein Jugendrad der Marke Schauff, das seine Fahrweise bis heute prägt. „Fahrrad fahren hat für mich vor allem mit Freiheit zu tun. Einfach losfahren und dabei die Natur erleben. Und natürlich dabei die körperliche Herausforderung, den eigenen Körper spüren“, sagt er. „Wenn Du unten am Berg bist, hast Du zwei Möglichkeiten: Den kleinsten Gang rein oder einen größeren und probieren, ob Du es trotzdem schaffst!“

Außerdem werden Touren von Museumsmitarbeiterin Dagmar Baur-Burg und Clemens Kurek aus Hannover vorgestellt. Die jeweiligen Fahrräder, mit denen diese Touren unternommen wurden, gibt es nicht mehr, sie sind deshalb lediglich auf Fotografien zu sehen.

Die Ausstellung wurde zudem von Meinolf Ziebart vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), Kreisverband Northeim, mit zahlreichen Karten und Exponaten zum Thema Fahrradwege, Navigation und Fahrradtourismus in der Region unterstützt.

Die Ausstellung bietet den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, auf einer Europa- und einer Weltkarte eigene Radtourerlebnisse zu verorten und die dazugehörigen Geschichten zu teilen. Wer selbst Lust auf Fahrradtouren bekommen hat, kann in einer Leseecke Fahrrad-Zeitschriften und Kartenmaterial studieren.

Die Ausstellung ist ein Beitrag des Stadtmuseums zum Einbecker Jahr der Mobilität; sie kann ab sofort bis zum 20. Oktober während der Öffnungszeiten des Stadtmuseums (Dienstag bis Sonntag, jeweils von 11 bis 16 Uhr) besucht werden.

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Dirk Härtel (Mitte) erzählte bei der Ausstellungseröffnung von seinen Radabenteuern in Afrika. Foto: Frank Bertram
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Mit diesem Schauff-Mountainbike war Marco Heckhoff lange unterwegs. Foto: Frank Bertram
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Fahrradgeschichten: Meinolf Ziebarth (l.) und Jochen Prochnow. Foto: Frank Bertram
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Randonneur-Rad des Einbeckers Stefan Michael Minta. Foto: Stadtmuseum Einbeck
Instagram-Reel von der Ausstellungseröffnung.