Göttinger Literaturherbst setzt auf die Region: Fünf Veranstaltungen in Einbeck

(c) Foto: Frank Bertram

Der Göttinger Literaturherbst setzt auch in seiner 33. Auflage auf die Region: 17 der 83 Veranstaltungen vom 18. bis 27. Oktober finden außerhalb der Universitätsstadt statt, allein fünf in Einbeck. „Ein Drittel der Besucher kommen aus der Region“, sagte Geschäftsführer Johannes-Peter Herberhold heute bei der Programmvorstellung in Göttingen, „da darf man dort auch kein B-Programm machen“. Und das ist es auch nicht, selbst wenn die ganz großen Namen wie Hape Kerkeling, Campino oder Christian Drosten in Göttingen auftreten. Der Vorverkauf ist gestartet, für die Kästner-Lesung mit Schauspieler Richy Müller (u.a. „Tatort“) und dem Göttinger Symphonie-Orchester in der PS.Halle gibt es jetzt auch wieder ein Kontingent von Tickets in den ersten Reihen, nachdem der Vorverkauf hierfür bereits vor einigen Wochen gestartet war und laut Herberhold sehr gut läuft.

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Johannes-Peter Herberhold, Geschäftsführer des Göttinger Literaturherbst, präsentierte mit seinem Team das Programm mit insgesamt 83 Veranstaltungen vom 18. bis 27. Oktober. Foto: Frank Bertram

Bei den erstklassigen Literaturveranstaltungen in der Region wird es unterhaltsam: Katharina Thalbach lässt beispielsweise die Stadthalle Northeim über Angela Merkel als Mordermittlerin in der Uckermarck schmunzeln, der Berliner Sachse Ingo Schulze blickt im Gemeindezentrum Rosdorf mit dem Dortmunder Jörg Thadeusz amüsiert liebevoll fremdelnd auf den Ruhrpott, unser Lieblings-Fernseh-„Besserwisser“ Sebastian Klussmann kommt mit dem zweiten Teil seines kurzweiligen Wissbegierigenevents in die Produktionshalle des Verpackungsherstellers Thimm in Northeim und Publizist Jakob Augstein stellt im Welfenschloss Hann.Münden seine Boulevardkomödie vor.

Ein literarisch-musikalischer Abend steht am Sonnabend, 19. Oktober, um 19 Uhr in der PS.Halle in Einbeck auf dem Programm. 2024 ist ein doppeltes Jubiläum für Erich Kästner: Der Autor wurde vor 125 Jahren geboren und ist vor 50 Jahren gestorben. Kästners berühmteste Geschichte war sein Kinderbucherstling „Emil und die Detektive“. Angeregt von diesem Buch haben der Göttinger Literaturherbst und das Göttinger Symphonieorchester eine musikalische Lesung konzipiert. Literarisch in Szene gesetzt werden Emil Tischbein, Gustav mit der Hupe und Pony Hütchen von dem Schauspieler Richy Müller. Die musikalische Leitung hat der amerikanische Dirigent Jason Weaver. Am Sonntag, 20. Oktober, um 11.30 Uhr wird die Konzertlesung im Rahmen der Familienkonzertreihe des Göttinger Symphonieorchesters in der Stadthalle Göttingen noch einmal aufgeführt.

Der Universalgelehrte Hans Jürgen von der Wense (1894-1966) legte in 30 Jahren 27.000 Wanderkilometer auf kleinstem Raum zurück, im Grenzgebiet zwischen Südniedersachsen, Ostwestfalen und Nordhessen. Was er auf seinen Wegen erlebte, hielt er auf circa 15.000 beidseitig beschriebenen Blättern fest, nach Flussläufen geordnet. Der Germanist Reiner Niehoff hat all das gesichtet und jetzt in einem ersten Band „Routen I – Südniedersachsen“ (Matthes & Seitz 2023) herausgegeben. Der Literaturherbst und der Journalist Michael Schäfer machen die Region erfahrbar und haben ein Programm mit Texten, Bildern und Gesprächen gestaltet: Der Teil über Einbeck ist am Montag, 21. Oktober, um 19 Uhr im Hotel Freigeist Einbeck zu erleben. Der Eintritt ist frei.

Die Welt von heute in satirischen Grafiken zeigt Katja Berlin mit den „Torten der Wahrheit“ am Donnerstag, 24. Oktober, um 19 Uhr im KWS-Biotechnikum in Einbeck. Grafiken sind ihr Humorkunstwerk. Seit 2015 begeistert Katja Berlin mit ihren „Torten der Wahrheit“ in der Wochenzeitung „Die Zeit“, zerpflückt Debattengrundlagen und betrachtet vermeintliche Wahrheiten aus einer anderen Perspektive. Die Sammlung „Wofür Frauen sich rechtfertigen müssen“ wurde schnell zum Bestseller. In „Was Rechtspopulisten fordern“ entlarvt sie pointiert und humorvoll die Unsinnigkeit und Doppelmoral des Gebrülls aus der rechten Ecke. Und auch ihr neustes Buch „Wer mit dem Mindestlohn gut leben kann“ (Yes 2024) legt den Finger in die Wunden der Gesellschaft. Ein satirischer Tortenvortrag über Frauen, Fortschritt und Rechtsextremismus.

Sein Roman hat sogar einen Titelsong, den er mit keiner geringeren als Ina Müller singt: Max Richard Leßmann schwappt mit seinem zweiten Buch „Sylter Welle“ (KiWi 2023) nicht nur in die Herzen der Inselbewohner. Nach seinen gesammelten Instagram-Gedichten „Liebe in Zeiten der Follower“ nimmt er sich die schwindende Insel vor: Protagonist Max wiederholt mit Oma Lore und Opa Ludwig seinen Kindheitsurlaub und gerät mitten rein in die festgefahrenen Marotten. Doch irgendetwas stimmt nicht. Diese Liebeserklärung an die vom Aussterben bedrohte Generation der Großeltern gibt der Songwriter, Sänger und Dichter am Freitag, 25. Oktober, um 19 Uhr im KWS-Biotechnikum in Einbeck zum Besten.

„Die Spielerin“ (S. Fischer 2024) ist unauffällig. Sie kommt aus Einbeck. Und sie schiebt Millionenbeträge umher. Isabelle Lehn hat eine ambivalente Heldin erschaffen, die ihre Unscheinbarkeit zu nutzen weiß. Im Zürich der 1990-er lernt sie die Welt der Bad Banks kennen und wird schließlich von der Bankerin zur weltweit operierenden Buchhalterin der kalabrischen Mafia. Bald steht sie vor Gericht. Doch wer unterschätzt wird, hat immer gute Karten. Eine smarte Geschichte, inspiriert von wahren Ereignissen, live erzählt am Sonnabend, 26. Oktober, um 19 Uhr im KWS-Biotechnikum in Einbeck von Isabelle Lehn und Moderator Niels Penke.

Exakt 83 Veranstaltungen, 33 Spielstätten in Göttingen und der Region, zehn randvoll gepackte Tage: Der Göttinger Literaturherbst bietet nach dem vergangenen Rekordjahr mit knapp 25.000 Besuchern und fast 60.000 Streams auch in dieser Saison wieder ein facettenreiches Feuerwerk der Gegenwartsliteratur. Von belletristischen Größen und gesellschaftliche Debatten, über Konzertlesungen und Unterhaltungsformate bis hin zur aktuellen Spitzenforschung verwöhnt das Festival vom 18. bis 27. Oktober sein lesebegeistertes Publikum mit Literatur am Puls der Zeit – im Saal und Online. Für 25 Euro kann mit dem digitalen Zusatzticket ein Großteil des Festivals bis Ende November zusätzlich im Stream abgerufen werden.

Infos und Tickets sowie das OnAir-Ticket gibt es ab dem 8. August 2024 unter www.literaturherbst.com sowie bei allen an Reservix angeschlossenen Vorverkaufsstellen in Deutschland. Studierende der Göttinger Universität und der Privaten Hochschule Göttingen haben mit dem Kulturticket kostenfreien Zugang zu den Lesungen.

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Das Team des Göttinger Literaturherbst präsentierte das Programm für 2024 (v.l.): Madita Oeming, Gesa Husemann, Rebecca Claßen, Johannes-Peter Herberhold und Maria von Estorff. Foto: Frank Bertram