Kulturkrafttage: Ein Herbst macht mehr als einen Frühling, ein Horwitz lässt Brel lebendig werden

(c) Foto: Frank Bertram

Von Frank Bertram

Versprochen war ein kultureller Energiekick im Frühling. Allein die zwei Veranstaltungen der Kulturkrafttage am Sonnabend haben dieses Versprechen eingelöst: Viel Applaus gab’s für den nachdenklich-witzigen Christoph Maria Herbst in Kombination mit zwei Posaunen und Klavier, sowie für den kraftvollen Brel-Abend mit Dominique Horwitz und Andres Reukauf am Flügel. Und dann waren da in dem bunten Strauß mit Künstlerinnen und Künstlern ja noch drei weitere Konzerte und ein Talk zur Marktzeit: Das zum fünften Mal organisierte Festival an einem langen Wochenende hat sich längst im Kulturkalender etabliert. Und zeigt dennoch jedes Jahr eine neue Varianz.

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Im Gespräch mit Frank Stefan Kimmel (l.): Schauspieler Christoph Maria Herbst sowie Ann-Catherina Strehmel, Jung Eun Séverine Kim und Leonard Kutsch vom Sélean-Trio. Foto: Frank Bertram

Wie immer bei der „Blauen Stunde“ waren diesmal der Schauspieler Christoph Maria Herbst und das Sélean-Trio zu diesem Anlass erstmals zusammengetroffen, um Texte und Musik zu verbinden zu einer Kombination, die es nur an diesem frühen Sonnabend live in der PS-Halle zu erleben gab. Posaunen sind nicht häufig Soloinstrumente. In der selten zu hörenden Besetzung von zwei Posaunen und Klavier haben Ann-Catherina Strehmel, Leonard Kutsch und Jung Eun Séverine Kim mehrere Neuinterpretationen und Arrangements von eigentlich für große Orchester geschriebenen Schostakowitsch-Werken gespielt, sehr schön beispielsweise aber auch „Puttin‘ on the ritz“ von Irving Berlin. „So sehr die Orchesterarbeit Spaß macht“, erzählten die drei im Bühnengespräch mit Frank Stefan Kimmel, „aber bei 560 Takten Pause im Orchestergraben entsteht die Solo-Motivation, unser Instrument ist vielfältiger und kann noch mehr“.

Mit sicherer Hand für die Aktualität des Stoffs hatte Christoph Maria Herbst aus der Satire „Er ist wieder da“, dem Bestseller von Timur Vermes über den 2011 wieder auftauchenden Adolf Hitler in Berlin, ein Kapitel ausgewählt, in dem „der Führer“ die heutigen Rechtsextremisten in deren Parteizentrale besucht und diese eher trottelig aussehen lässt. Ein von Herbst gelesenes literarisches Kabinettstück erster Güte, das es an vielen Stellen schafft, Hitler gerade nicht zu verharmlosen, sondern dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Und beim zweiten Buch, aus dem er vorgetragen hat, seinem eigenen 2014 erschienenen „Ein Traum von einem Schiff“ über Dreharbeiten auf dem Traumschiff hatten die Zuschauer an einigen Stellen vom Lachen reichlich Tränen in den Augen, so köstlich auf den Punkt formuliert schilderte er die Besetzung zu den Dreharbeiten durch den legendären Berliner Produzenten Wolfgang Rademann. Letztlich sagte auch Herbst für die „schwimmende Schwarzwaldklinik“ zu, weil es ja richtig bleibt: Drehort ist wichtiger als Drehbuch. Dass das ZDF gegen Herbsts Buch anfangs juristisch vorging, hat den Erfolg letztlich nicht geschmälert, eher im Gegenteil, wie die Besucher des Bühnengesprächs mit Frank Stefan Kimmel erfuhren. Die drei Wochen Dreharbeiten seien eine notorische Unterforderung gewesen, weshalb er das Logbuch und letztlich das Buch überhaupt geschrieben habe.

„Man muss durch die tiefsten Tiefen gehen, um zur Leichtigkeit zu gelangen“, sagte der gelernte Theaterschauspieler Christoph Maria Herbst über die ihm wichtige Probenarbeit bei einer Komödie, bei der man noch stärker an den Kern des Humors komme. Besonders ans Herz gewachsen sei ihm die Tragödie, sagt er, die sei Komödie plus Timing. „Damit es nach Allegretto klingt, ist der Weg ein großes Adagio und Furiso.“ Herbst erzählte von seinem Erfolgswerk „Stromberg“, bei dem der Blick durch die so genannte vierte Wand direkt zum Zuschauer diesen für die Situation einnehmen soll – wie einst bei Stan & Oli.

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Begeisterten das Publikum mit Liedern von Jacques Brel: Dominique Horwitz (r.) und Andres Reukauf. Foto: Frank Bertram

Und dann war noch die „Late Night“ der Kulturkrafttage mit Chansons von Jacques Brel. Sein ausgeprägtes Gespür für Musik macht Dominique Horwitz zu einem gefragten Künstler des musikalisch-literarischen Genres, 2002 hat er für das Brel-Chanson-Programm den Mephisto-Preis bekommen. Denn Horwitz singt nicht einfach Brel-Lieder, sein ganzer Körper ist Chansonnier und spielt den Belgier. „Brel ist für mich das Nonplusultra des Gesangs für einen Schauspieler“, sagt Horwitz. „Man muss weder Musiker noch Sänger sein, um seine Chansons zu interpretieren, man muss nur ein Bühnenschauspieler sein.“ Gut, dass er einer ist. Seit 1984 beschäftigt sich Horwitz bereits mit Jacques Brel. „Brel ist so tief, dass Du immer neues entdeckst“, sagte er im Bühnengespräch vor dem Konzert. Je älter man werde, desto Substantieller wirke man, wenn man von Leidenschaft und Liebe singe. Die Figuren, die Brel in seinen Liedern beschreibe, seien reines Theater, was ihm als Schauspieler helfe, diese an dem Abend darzustellen. Chansons erzählten immer eine intensive Geschichte, begeisterte sich Pianist Andres Reukauf, der seit acht Jahren an der Seite von Dominique Horwitz die Lieder von Jacques Brel spielt. Spätestens mit „Ne me quitte pas“ und „Amsterdam“ hatte Horwitz das Publikum. Eine Zugabe applaudierte sich das Kulturkrafttage-Publikum zu später Stunde.

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Die „Blaue Stunde“ bei den Kulturkrafttagen 2026 in der PS-Halle war ausverkauft. Foto: Frank Bertram

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