Der Kirchenvorstand der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Einbeck hat Thomas Döhrel mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben bei der „Einbecker Tafel“ entbunden. Hintergrund der Entscheidung ist offenbar ein Vorfall am 2. Mai, von dem es auch eine Video-Aufzeichnung gibt. Eine Begründung für den Beschluss des Kirchenvorstandes hat Döhrel jedoch bislang nicht erfahren, er wurde nach eigenen Angaben auch nicht vor der Entscheidung angehört. „Ich hätte sehr gern, wie bereits in den letzten 17 Jahren, durchschnittlich zehn Stunden in der Woche meiner Freizeit für bedürftige Menschen in Einbeck ‚geopfert'“, bedauert Döhrel, der einer der Mitgründer ist. Er gehe nicht freiwillig, er sei über das Vorgehen enttäuscht. Die Kirchengemeinde, die Trägerin der „Einbecker Tafel“ ist, hatte sich zunächst auch auf mehrfache Nachfrage nicht zu der Angelegenheit geäußert, zunächst wolle man im Tafel-Team intern kommunizieren, kündigte Pastor Daniel Konnerth für Dienstag eine Stellungnahme an. Diese Stellungnahme des gesamte Pfarramtes ist im Wortlaut am Ende dieses Beitrags als PDF zu finden.
(Aktualisiert 01.07.2025, 13:24 Uhr)
Hintergrund für den Kirchenvorstand-Beschluss vom 26. Juni ist offensichtlich ein Vorfall im Tafelladen am 2. Mai dieses Jahres. Davon gibt es auch eine Video-Aufzeichnung. Thomas Döhrel war an diesem Tag im Einlassmanagement im Tafelladen tätig. Aufgabe dieses Einlassmanagements ist es zu prüfen, ob und mit wieviel Personen der betreffende Haushalt zur Nutzung der „Einbecker Tafel“ berechtigt ist. An dem Tag sei ein Mann in den Tafelladen gekommen und habe einen ganz offensichtlich manipulierten Tafelausweis vorgezeigt, schildert Döhrel das Ereignis. Für ihn habe sich der Verdacht ergeben, dass der Mann den Ausweis gefälscht habe, um einen niedrigeren Nutzungsbeitrag zu zahlen. Das habe er dem Mann auch gesagt und um Aufklärung gebeten sowie den manipulierten Tafelausweis zunächst eingezogen. „Daraufhin zerriss der Mann die auf dem Tresen liegende Kundenliste, trat einen Schritt zurück und schaute sich provokant im Tafelladen um“, erinnert sich Döhrel. „Ich empfand diese Situation als bedrohlich, und zwar nicht für mich, sondern für die im Eingangsbereich arbeitenden anderen Helferinnen und Helfer der Tafel sowie für die dort wartenden Tafelkunden.“ Dort werde immerhin mit Messern gearbeitet. Deshalb habe er den Oberkörper des Mannes mit beiden Händen ergriffen und ihn durch die Tür des Tafelladens auf den Hof geschoben. Das ist auch so auf der Video-Aufzeichnung zu sehen. „Ich habe ihn nicht geschlagen oder sonst in irgendeiner Art und Weise verletzt. Vielmehr war er es, der mich, nachdem ich ihn auf den Hof geschoben hatte, mit der Faust gegen die Brust schlug.“ Er habe auch nicht aus einer persönlichen Befindlichkeit impulsiv gehandelt, wie ihm vorgeworfen worden sei, sondern lediglich, „um eine von mir gesehene Gefährdung anderer Personen abzuwenden. Ich würde sowohl im Tafelladen als auch an jedem anderen Ort in einer vergleichbaren Situation wieder so handeln“, sagt Thomas Döhrel.
Die Kirchengemeinde schildert, dass auf dem Video das Folgende zu sehen sei: „Ein ukrainischer Tafelkunde ohne nennenswerte Deutschkenntnisse, bekleidet mit einem dunklen T-Shirt und einer hellen Basecap, tritt an den Eingangstresen heran und überreicht Thomas Döhrel den Tafelausweis. Der Kunde steht am Tresen und spricht zu Thomas Döhrel. Der Kunde zeigt mehrfach auf die Liste und deutet auf sich, um etwas zu erklären. Thomas Döhrel dreht sich vom Kunden weg. Thomas Döhrel dreht sich wieder zum Tresen zurück. Thomas Döhrel nimmt den Kundenausweis, zerreißt diesen und bewegt sich kurz nach unten, um die Papierstücke zu entsorgen. Der Kunde ergreift die Liste, die sich auf dem Tresen befindet, und fügt dieser einen Riss zu. Dann legt er die Liste wieder auf dem Tresen ab und tritt etwas zurück. Der Kunde steht vor dem Tresen und schaut direkt zu Thomas Döhrel. Thomas Döhrel greift von seinem Platz aus mit beiden Händen an das T-Shirt des Mannes. Er zerrt ihn am T-Shirt bis zur Türschwelle. Dort dreht er ihn mit dem Rücken zum Ausgang und schubst ihn hinaus. Eine freiwillige Helferin, die sich am Ausgabetresen befindet, ruft nach einem männlichen Helfer, der zum Eingangsbereich läuft und sich dann in den Hofbereich begibt.“
Thomas Döhrel habe sich zu dem Vorfall schriftlich geäußert. Als er von dem Video erfahren habe, habe er eine zweite geänderte Stellungnahme abgegeben. Beide Schilderungen decken sich in wesentlichen Teilen nicht mit dem Video, meint die Kirchengemeinde. Es sei auf dem Video kein provozierender Rundumblick und keinerlei Bedrohung von Tafelkunden oder Tafelteam zu erkennen.
Thomas Döhrel erklärte, er habe dem Vorfall zunächst wenig Bedeutung beigemessen. Es gebe immer mal wieder Unruhe mit unzufriedenen Tafelkunden, berichtet Döhrel aus seiner jahrelangen Erfahrung. Doch Ende Mai hätten ihn dann Pastorin Dr. Wiebke Köhler und Kirchenvorstand-Vorsitzender Thomas Borchert mit der Angelegenheit konfrontiert, ihm das Video gezeigt. Das Pfarramt, also die Pastorinnen und Pastoren der Gemeinde, hätten ihn gebeten, bis zu einer abschließenden Klärung der Angelegenheit nicht mehr das Einlassmanagement durchzuführen. Damit habe er auch kein Problem, sagte Döhrel. Mitte Juni habe er dann Thomas Borchert nach dem Sachstand gefragt, der ihm eine Kirchenvorstand-Entscheidung für den 26. Juni ankündigte und schließlich am 27. Juni auch mitteilte.
„Ich habe am 2. Mai so gehandelt, weil ich die anderen im Tafelladen tätigen freiwilligen Helfer und die wartenden Kunden schützen wollte; für mich ist nicht nachvollziehbar, dass sich der Kirchenvorstand offenbar nicht wünscht, dass in entsprechender Art und Weise für die Sicherheit im Tafelladen gesorgt wird“, erklärt Thomas Döhrel. Er könne nicht nachvollziehen, wie der Kirchenvorstand eine solche Entscheidung treffen könne, ohne ihn persönlich anzuhören. „Gerade von einer kirchlichen Organisation hätte ich erwartet, dass man Menschen die Gelegenheit gibt, sich zu von wem auch immer erhobenen Vorwürfen zu äußern, anstatt einfach hinter deren Rücken zu urteilen.“
Wie die Kirchengemeinde am Dienstag (1. Juli) mitteilte, heiße es im ersten Satz des auch Thomas Döhrel bekannten Schutzkonzeptes der Kirchengemeinde: „Wir möchten, dass die ev.-luth. Kirchengemeinde Einbeck ein sicherer Ort ist, an dem Menschen respektvoll und gewaltfrei miteinander umgehen.“ Das auf dem Video zu erkennende Verhalten von Thomas Döhrel läufe dem zuwider und sei nicht zu tolerieren. Die Kirchengemeinde habe sich bei dem betreffenden Tafelkunden entschuldigt, werde das zerrissene T-Shirt ersetzen und eine Entschädigung anbieten.
Die „Einbecker Tafel“ wurde im Januar 2008 als ökumenisches Projekt der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Einbeck und der Katholischen Pfarrgemeinde St. Josef gegründet. Lebensmittel, die im Wirtschaftsprozess keine Verwendung mehr finden, aber qualitativ einwandfrei sind, werden vor der Vernichtung bewahrt und an Menschen mit geringem Einkommen ausgegeben. Die Tafel wird überwiegend durch ehrenamtliches Engagement getragen.
