Literaturherbst-Lesung: „Die Spielerin“ gibt sich nicht mit Einbeck zufrieden

(c) Foto: Frank Bertram

Von Frank Bertram

Die Frau traut sich was. Isabelle Lehn liest aus ihrem neuen Roman „Die Spielerin“, deren Hauptfigur aus Einbeck stammt und zur Buchhalterin der kalabrischen Mafia wird: „Wer nicht bereit ist, etwas aufs Spiel zu setzen, der kann in Einbeck ein zufriedenes Leben führen, allerdings um den Preis, sich mit Einbeck zufriedenzugeben.“ Dazu sei die im Buch immer nur A. genannte Hauptfigur im Jahr 1990 nicht bereit, schreibt Isabelle Lehn – noch nicht. Die Schriftstellerin liest weiter aus Kapitel 1 des zweiten Teils: „Und wenn sie es jetzt nicht aus Einbeck herausschafft, dann wird sich daran auch nichts mehr ändern. Genauso gut könnte sie sich jetzt schon zum Sterben hinlegen“. Ein harter Satz für das überwiegend aus Einbeck stammende Publikum, das zur Lesung beim Göttinger Literaturherbst ins KWS-Biotechnikum gekommen ist. Isabelle Lehn, die zum ersten Mal in Einbeck ist, merkt es beim Lesen selbst. Und erläutert, unterstützt vom Literaturwissenschaftler Niels Penke als Moderator, wie ihr mittlerweile in vierter Auflage erschienener Roman entstanden ist.

Denn Einbeck sei dabei lediglich ein Chiffre für die enge Kleinstadt. Die heute in Leipzig lebende 45-Jährige stammt selbst aus einem kleinen Ort südlich von Bonn. Und habe nach dem Abitur „weg von all den Fachwerkhäusern“ gewollt, erzählt sie, sei dafür zum Studium nach Tübingen gegangen – zu den dortigen Fachwerkhäusern, lacht die promovierte Rhetorikerin. Ein Blogbeitrag des Investigativjournalisten Sandro Mattioli über die Frage, ob die Mafia eine Nachrichtenagentur kaufen wollte, diente Isabelle Lehn 2018 zur Inspiration für ihren dritten Roman. Isabelle Lehn greift dabei die Geschichte der aus Einbeck stammenden Martina N. auf, die viele Jahre lang verdeckt für die kalabrische Mafia gearbeitet haben soll. Sie habe mit N. keinen Kontakt aufgenommen und auch nicht viel über die Person in Erfahrung bringen können, erzählt die Schriftstellerin. Was aber kein Problem ist, denn ihr Roman ist schließlich Fiktion – eine smarte Geschichte, lediglich inspiriert von wahren Ereignissen.  

Bei Isabelle Lehn heißt Martina N. einfach A. „Die Spielerin“ beginnt mit dem Prozess gegen die unscheinbare Frau mit beiger Bluse und Pagenkopf und rollt die Biografie quasi von hinten auf. Die Autorin erzählt, wie sie mit „Fassadenpflege“, also einem seriösen Äußeren, in Zürich immer weiter in der Welt der Hochfinanz aufsteigt. Sie schiebt Millionenbeträge hin und her. Bis eine Nachrichtenagentur Insolvenz anmeldet. Steckte die Mafia dahinter, die als Investorin der Agentur auftrat?

Isabelle Lehn hat in nüchterner Sprache eine ambivalente Heldin erschaffen, die ihre Unscheinbarkeit zu nutzen weiß. Interessiert haben die Schriftstellerin dabei vor allem Rollenklischees und Machtstrukturen und die Frage: Wie hat sie alle an der Nase herum führen können? A.‘s Strategie sei gewesen, „unter dem Radar“ zu bleiben. Im dritten Teil ihres Romans verknüpft die Autorin die nur von außen sichtbare Doppelexistenz, sich unterschätzen zu lassen, mit der Vorgeschichte, wie A. von Einbeck aus in die Finanzwelt aufbricht, ihre Erwartungen enttäuscht werden und sie sich letztlich für die Mafia entscheidet. Mit Blick hinter die Fassaden sehen die Leser, wie A. im Hintergrund die Fäden zieht und alle für sich tanzen und arbeiten lässt, ohne dass diese das merken. „Das zu schreiben hat ganz besonders viel Spaß gemacht“, sagt Isabelle Lehn.   

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„Die Spielerin“ in Einbeck: Schriftstellerin Isabelle Lehn mit Moderator Niels Penke. Foto: Frank Bertram

Bilanz: Fast 24.000 Besucher beim Göttinger Literaturherbst

Fast 24.000 Zuschauer vor Ort und weitere 31.000 an ihren Bildschirmen haben die über 80 Veranstaltungen beim diesjährigen Göttinger Literaturherbst verfolgt, knapp die Hälfte aller eintrittspflichtigen Lesungen waren ausverkauft, bilanzierte der Veranstalter. Die Lesungen im Umland konnten mit 3.650 Besuchern einen neuen Rekord erzielen, der die regionale Strahlkraft des Festivals eindrücklich bestätigt. Auch das digitale Zusatzangebot wird wieder intensiv genutzt: Bis zum 29. Oktober gab es bereits über 31.000 Zugriffe. Die Aufzeichnungen stehen noch bis Ende November in der Mediathek des Festivals zur Verfügung. Im kommenden Jahr findet der Göttinger Literaturherbst vom 17. Oktober bis 2. November statt. Außerdem gibt es wieder eine Frühjahreslese vom 21. bis 23. März 2025, erklärte Johannes-Peter Herberhold, Geschäftsführer des Göttinger Literaturherbstes. „Es ist jedes Jahr unfassbar, was wir mit einem kleinen Team auf die Beine stellen und welche enorme Resonanz es vom Publikum gibt“, resümiert er zufrieden.