75 Jahre nach Dreharbeiten in Einbeck: Preisgekrönter Kinofilm „Nachtwache“ wieder auf der Leinwand

Repro: Sammlung Janke

Vor 75 Jahren kam der Film in die Nachkriegskinos, jetzt ist der damals auch in Einbeck gedrehte, mehrfach ausgezeichnete Film „Nachtwache“ wieder auf der Leinwand zu sehen: Am Montag, 21. Oktober, läuft die Göttinger Filmaufbau-Produktion „Nachtwache“ (1949) mit Luise Ullrich, Hans Nielsen, René Deltgen, Dieter Borsche und Angelika Voelkner um 19.30 Uhr im Neu-Deli an der Münsterstraße in Einbeck. Dort gibt es auch Tickets im Vorverkauf. Das preisgekrönte Meisterwerk, damals co-produziert von der NDF Neue Deutsche Filmgesellschaft mbH aus München, gilt als erster religiöser Spielfilm der Nachkriegszeit. Heute haben sich Filmbüro Göttingen und die Einbecker Lichtspielfreunde zusammengetan, um den Streifen in Einbeck zu zeigen, auf den Tag genau 75 Jahre nach Kinostart. Nach dem 110 Minuten langen Film wird es ein Filmgespräch geben, das vom Filmjournalisten Sven Schreivogel moderiert wird.

Der Filmabend ist als weiterer Beitrag aus der Reihe „Filmstadt Göttingen“ gedacht, mit dem das Filmbüro Göttingen erstmals ins Umland geht: Bevorzugt sollen Filme in Städten gezeigt werden, die einst als Drehorte für Göttinger Produktionen gedient hatten. Für die „Nachtwache“ fanden 1949 zwei Tage lang Außenaufnahmen unter anderem auf dem Marktplatz und in der St. Spiritus-Kapelle in der Geiststraße statt. Die damals für Zeitungen in Hannover und Hamburg schreibende Journalistin Helene G. Schiffer erinnerte sich 1993 an ihren Besuch an einem Sonntag am Filmset in Einbeck, bei dem sie den Schauspieler Dieter Borsche sprechen konnte, der in der „Nachtwache“ einen katholischen Kaplan spielt. Der Marktplatz (über den damals noch Autoverkehr fuhr) musste abgesperrt werden. Abends habe die Hauptdarstellerin Luise Ullrich bestimmt 30 Mal oder mehr immer denselben Namen rufend über den Marktplatz rennen müssen. Die Einbecker hätten das damals alles interessiert beobachtet, schilderte Schiffer. „An der Nordseite des Marktes war ein Stückchen Jahrmarkt mit einigen schwebenden Luftschiffen aufgebaut.“

In den 1950er-Jahren war Göttingen ein bedeutendes Zentrum der deutschen Filmindustrie. Rund 100 Spielfilme entstanden im damals modernsten Studiokomplex der jungen Bundesrepublik: Komödien (unter anderem acht Heinz-Erhardt-Filme), Literaturverfilmungen und die „Göttinger Linie“ mit ihren Antikriegsfilmen. Das Filmbüro Göttingen kümmert sich neben der Aufarbeitung der regionalen Filmgeschichte auch um die Wiederbelebung des früheren Filmzentrums in der Mitte Deutschlands und die professionelle Vermarktung der Filmlandschaft Südniedersachsen.

Die „Nachtwache“ war der erste deutsche Film nach 1945, an dessen Realisierung sich die evangelische Kirche finanziell und ideell beteiligte. Die Produktion erwies sich damals als „überwältigender Publikumserfolg“ und ermöglichte der Filmaufbau GmbH in Göttingen einen nachhaltigen Neustart. Die „Nachtwache“ war das Filmdebüt des Kinderstars Angelika Meissner („Immenhof“-Trilogie, im Vorspann dieses Films als Angelika Voelkner aufgeführt). Der Film ist auf der Biennale in Venedig zum besten deutschen Film gewählt worden, erhielt den Bambi 1950 („Bester künstlerischer deutscher Film 1949“) und Bambi 1951 („Geschäftlich erfolgreichster deutscher Film 1950“).

Um was geht’s in dem Film?

In einem Krankenhaus sind der evangelische Pfarrer Heger und der katholische Kaplan von Imhoff für die Seelsorge zuständig. Die Oberärztin Cornelie hat nach dem Tod ihrer Tochter im Krieg den Glauben an Gott verloren. Eines Tages taucht der ehemalige Geliebte von Cornelie und Vater ihrer verstorbenen Tochter, der Schauspieler Gorgas auf, um seinen Freund von Imhoff zu besuchen. Während dieser Tage lädt Gorgas Hegers zehnjährige Tochter zu einem Besuch auf dem Rummelplatz ein. Dabei verunglückt diese mit der Schiffsschaukel tödlich. Hegers scheint an diesem Schicksalsschlag zu zerbrechen, findet aber Beistand in von Imhoff, der ihm sogar die Kraft gibt, Gorgas vom Selbstmord abzuhalten. Cornelie findet zum Glauben zurück und bleibt bei Heger.

(c) Filmbüro Göttingen
Plakat zum Film.
Repro: Sammlung Janke
Für die Dreharbeiten 1949: Bau der „Jedermann“-Bühne in Einbeck vor dem Rathaus. Repro: Sammlung Janke
Foto (c) Filminstitut Hannover
Szenenfoto mit René Deltgen und Luise Ullrich. (c) Filminstitut Hannover
Foto (c) Filminstitut Hannover
Szenenfoto mit Luise Ullrich und Hans Nielsen. (c) Filminstitut Hannover