Von Frank Bertram
Jeder Abend hat sein eigenes Momentum. Es entsteht zwischen den Menschen auf der Bühne und den Menschen in den Zuschauerreihen eine magische Verbindung. Live. Direkt vor Ort. Nur dort. Nur an diesem Nachmittag oder Abend, nicht wiederholbar. Nur dieser eine Moment, dieser eine Tag entfaltet die Kraft der Kultur. An einem besonderen Ort, in der Begegnung mit anderen Menschen. „So wird’s nie wieder sein“, spielte Ulrich Tukur mit seinen Rhythmusboys. Und meinte damit imgrunde genau das. Ebenso wie einen Abend zuvor die Sängerin Silje Nergaard, die als zweite Zugabe A cappella mit ihren beiden Gitarristen Håvar Bendikson und Hallgrim Bratberg „Dream a Little Dream of Me“ präsentierte. In der PS-Halle hätte man in diesem Moment die berühmte Stecknadel fallen hören. Vier Tage lang entfaltete sich dort wieder die Kulturkraft. Zum dritten Mal gab es „Kulturkrafttage“, das immer noch junge Festival mit Sprache und Musik.
Die Besucher erlebten ein abwechslungsreiches Programm mit vier Konzerten, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Dazu kam wieder die Matinee, bei der in diesem Jahr zum 80. Todestag von Antoine De Saint-Exupéry der „Kleine Prinz“ mit Musik von François Couperin, Jean-Philippe Rameau und Frédéric Chopin verschmolzen ist. Und wieder war alles reine Improvisation, ohne Netz und doppelten Boden, nur für diesen Sonntagvormittag zusammengestellt. Das bewährte Lese-Duo Julia Hansen und Heikko Deutschmann wurde erneut von dem Pianisten Jörg Siebenhaar, dem Perkussionisten Rhani Krija sowie dem Saxophonisten Thomas Zander begleitet und rührte viele Besucher zu Tränen.

Ein gut gesetzter neuer Impuls bei dem frischen Festival war die „Kulturkraftstunde“ am Donnerstag, bewusst vor die Eröffnung des eigentlich dreitägigen Programmes positioniert: In kleinerer Runde „nah dran und dicht dabei“, im Forum des PS-Speichers mit Möglichkeiten zum Stehen und zum Sitzen, zündeten Marialy Pacheco und Rhani Krija am Flügel und an den Percussions in kaum mehr als 60 Minuten ein dermaßen mitreißendes musikalisches Feuerwerk, dass jeder das schnelle Ende bedauerte.

An diesem Ort wäre vielleicht auch ein Format wie die Blaue Stunde künftig besser aufgehoben, denn die Halle ist dafür offenbar zu groß, hier verloren sich die Menschen leider wieder ein wenig im ja doch sehr großen Saal. Aber an diesen Stellschrauben werden die Macherinnen des Festivals sicherlich weiter drehen.
Die „Kulturkrafttage“ haben bei ihrer dritten Auflage erneut von der großen Bandbreite des vielschichtigen Programmes gelebt. Zwischen lebensfreudigen marrokanisch-kubanischen Klängen, herrlichen Kaffeehausschlagern und dem rührenden „kleinen Prinzen“ liegen schon einige Newtonmeter Kulturkraft. Aber genau das macht das Gesamtpaket „Kulturkrafttage“ so attraktiv.

Los ging es mit Siljes sanfter Stimme: Die Norwegerin Silje Nergaard mit 30 Jahren Bühnenerfahrung gilt als Gallionsfigur des skandinavischen balladigen Pop-Jazz und hat beim Eröffnungskonzert der „Kulturkrafttage“ eindrucksvoll gezeigt, dass bei der Singer-Songwriterin nicht nur jedes Wort und jeder Ton sitzen, sondern jedes Lied auch eine erzählenswerte Entstehungsgeschichte hat. Sie berichtete, wie bei ihr und ihrem Texter die Songs entstanden sind, beispielsweise die auf ihrem aktuellen Konzeptalbum „Houses“ über mehrere ihrer Nachbarn während der Corona-Zeit. Besonders unterhaltsam wurde es, als sie ihr Handy herausholte, mit dem sie in Italien die ganz besondere Stimme eines Kokosnuss-Strandverkäufers aufgenommen und in ihren Song integriert hat. Oder der Kassettenrekorder (das gesetzte Publikum wusste noch, was das ist), für den sie ihr erstes veröffentlichtes Album auf Kassette bei E-Bay gekauft hat.
Zur Blauen Stunde hat Schauspieler Dietmar Bär Texte aus „Was man von hier aus sehen kann“ von Maria Leky und „Gentleman über Bord“ von Herbert Clyde Lewis gelesen und mit dem preisgekrönten aufstrebenden Trio „Klangspektrum“ (Paula Breland, Klarinette, Anna-Katharina Schau, Akkordeon, Jennifer Aßmus, Violoncello) zu einem atemberaubenden Programm verwoben. Zu hören war Neue Musik (beeindruckend: der „Oktopus“ von Georg Katzer) ebenso wie Astor Piazzola oder Clara Schumann.

Als Ulrich Tukur mit seinen Rhythmusboys in die vollbesetzte PS-Halle einlief, waren schwungvolle Töne für die nächsten zwei Stunden garantiert. Die 1995 gegründete Kombo hat er angeblich nach optischen Kriterien zusammengestellt. Zu Beginn habe man besser ausgesehen als gespielt, sagte Tukur, „inzwischen hat sich das umgedreht“. Die vier Gentlemen (neben Ulrich Tukur sind das Ulrich Mayer, Gitarre, Günter Märtens, Kontrabass, und Kalle Mewes, Schlagzeug) waren vor zwei Jahren bereits bei den „Kulturkrafttagen“ zu Gast, jetzt begeisterten sie das Publikum wieder mit neu interpretierten Evergreens nostalgischer Unterhaltungsmusik, mit großer Leidenschaft für Entertainment, Gesang und Tanzeinlagen. Frontmann Ulrich Tukur balanciert bei seinen Moderationen messerscharf auf dem schmalen Grat zwischen Ironie, Melancholie und skurrilem Schmiss. Dass das auch mal schief gehen kann, ist bewusst einkalkuliert. „Das Leben macht mir keinen Spaß ohne Risiko“, hatte Tukur im Bühnengesprach gesagt.
Die Bühnengespräche von Frank Stefan Kimmel mit den Künstlern als Vorspiele zu den unterschiedlichen Konzerten waren wieder sehr hilfreich, den Besuchern interessante ebenso wie unterhaltsame Informationen mitzugeben. Etwa die, dass Dietmar Bär kein Dortmund-Fußballfan ist, sondern Borusse (das ist ein großer Unterschied!). Im Ruhrgebiet gehe man ohnehin samstags ins Stadion nicht allein um Fußball zu schauen, sondern um sich aufzuregen, sagte der den meisten Menschen aus dem „Tatort“ bekannte Darsteller, der aber auch Hörbücher einliest oder beispielsweise zuletzt mit einem Heinz-Erhardt-Programm lesend unterwegs war. Bär erinnerte sich gerne an sein Engagement bei den Gandersheimer Domfestspielen 2007 als Dorfrichter Adam in Kleists „Zerbrochnen Krug“. Sein Mentor Johannes Klaus, der dem jungen Dietmar einst nahelegte, doch die Schauspielschule zu besuchen, hatte ihn nach 13 Jahren Bühnenabstinenz damals als Intendant und Regisseur vor das Portal der Stiftskirche locken können. Auch nach 23 Jahren „Tatort“ seien die Dreharbeiten zu der beliebten ARD-Krimireihe zwar Routine, „aber immer wieder neu“, denn in das Team kämen ja immer wieder neue Leute als Autoren oder Regisseure, berichtete Dietmar Bär: „Jetzt sind wir die Silberrücken“. Während Kommissar Freddy Schenk im „Tatort“ gerne in amerikanischen Straßenkreuzern unterwegs ist, hat sich Dietmar Bär im PS-Speicher bewusst vor einem R4 fotografieren lassen – der war einst sein erstes Auto nach einem Käfer. Das Trio „Klangspektrum“ warb dafür, der Neuen Musik eine Chance zu geben. Die moderne klassische Musik könne Hörgewohnheiten aufbrechen – besonders, wenn das Publikum möglichst unvoreingenommen und nicht bereits mit Abwehrhaltung in den Stuhlreihen Platz nimmt. „Auch Brahms war mal neue Musik“, sagten Anna-Katharina Schau, Paula Breland und Jennifer Aßmus. Die Norwegerin Silje Nergaard erzählte von ihrem Singer-Songwriter-Schaffen, sprach von der „Reduktion auf die Schönheit der Note“. Eine CD könne noch so optimal technisch abgemischt sein, viel wichtiger sind der Sängerin in Zeiten von überall verfügbaren Musikstreams „the moments together, we need the music.“ Das wichtigste sei, dass in diesen einzigartigen Momenten der Live-Konzerte die Menschen mit den Herzen dabei seien. Sie war es auch, die davon berichtete, wie sie mit der Krimiserie „Derrick“ ein wenig Deutsch gelernt hat („Harry, hol‘ schon mal den Wagen“).

Die dritten „Kulturkrafttage“ konnten mehr als 1500 Gäste begrüßen, bilanzierte der Veranstalter. Neuer Rekord. „Wir freuen uns sehr darüber, dass so viele Menschen gekommen sind, um mit uns erneut ein wunderbares Fest der Sprache, der Musik und der Begegnung zu feiern. Dass auch die Kulturkraftstunde so gut angenommen wurde, ist ein deutliches Zeichen: Wir sind auf dem richtigen Weg“, erklärte Julia Hansen, künstlerische Leiterin des Festivals. Der Termin für die vierten „Kulturkrafttage“ 2025 steht bereits fest: Sie werden im kommenden Jahr vom 20. bis 23. März im PS-Speicher in Einbeck stattfinden.

