„Einkaufsgeschichten aus Einbeck und den Dörfern“ – so heißt eine neue Sonderausstellung im Stadtmuseum Einbeck, die bis zum 26. Oktober zu sehen sein wird. Schwerpunkt ist die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg, sind die Erinnerungen der Erlebnisgeneration. Die Ausstellung macht sichtbar, wie sich Einkaufsorte und Einkaufsgewohnheiten über die Jahrzehnte verändert haben: vom lebendigen Fachgeschäft in der Innenstadt über verschwundene Lebensmittelgeschäfte in den Wohnvierteln und auf dem Land bis zum Siegeszug der Supermärkte und Einkaufszentren.
(Aktualisiert 18.05.2025, 14:51 Uhr)
„Wir alle tragen Einkaufserinnerungen in uns“, erklärt Kurator und Museumsleiter Carl Philipp Nies, der die Ausstellung gemeinsam mit seinem Team Dagmar Baur-Burg, Martin Henze und Dr. Imke Weichert erstellt hat. „Ob der Duft von frischem Brot im Hofladen, das Glitzern im Schaufenster des Warenhauses oder der erste Klick im Internet – Einkaufserlebnisse können viele Formen haben. Rückblickend lassen sie den Wandel in unserer Alltagswelt erkennbar werden.“
Bürgermeister Dr. Sabine Michalek eröffnete die Sonderausstellung offiziell und erinnerte sich an eigene Einkaufserlebnisse, ins nahe Geschäft geschickt worden zu sein und aus dem Wechselgeld sich noch eine bunte Tüte mit Süßigkeiten aussuchen zu dürfen. Der heutige Klick im Internet sei zwar auch ein Einkaufserlebnis, aber ein völlig anderes. Dabei könne man nicht nebenbei, wie das früher in den kleinen Geschäften gerade auf dem Dorf so gewesen sei, nebenbei noch Neuigkeiten aus der Nachbarschaft erfahren, die Post aufgeben oder mitnehmen. Beim anonymen, angeblich schnelleren Einkaufen im Internet verliere man die Nähe, das Gespräch, die Beratung. Sie sei froh, dass es in Einbeck noch viele unterschiedliche Fachgeschäfte gebe, und dankte allen Geschäftsinhabern und den Mitarbeitenden, die dieses persönliche Einkaufserlebnis gegen die harte Konkurrenz im Internet noch aufrechterhalten. „Gehen Sie vor Ort einkaufen, gehen Sie in die regionalen Dorfläden“, appellierte Michalek.
Die Ausstellung thematisiert beispielhaft einige Läden und Geschäfte und die mit ihnen verbundenen Erinnerungen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf einem Museumsbestand zum Kaufhaus Schünemann sowie Schenkungen und Leihgaben zu einzelnen Läden, beispielsweise dem Lebensmittelgeschäft von Kurt und Magdalena Obst. Sie hatten ihren „Tante-Emma-Laden“ in ihrem Wohnhaus in der Wilhelm-Raabe-Straße. Auch zum Edeka-Geschäft von Wilhelm Messerschmidt in der Friedrich-Ebert-Straße und seinem Ende im April 1986 gibt es Material in der Ausstellung zu sehen. In den Dörfern waren solche Läden gerne Backstuben-Verkaufsräume, wie bei Mateika in Stroit. In Stroit gab es auch früher eine Käserei für Harzkäse, Utensilien und Firmenwerbeschild sind im Museum zu sehen.
„Einkaufsgeschichten“ versteht sich nicht als abgeschlossene Dokumentation – sondern als offenes, wachsendes Erinnerungsprojekt. Alle Besucherinnen und Besucher sind deshalb eingeladen, eigene Geschichten, Fotos oder Objekte beizusteuern, in der Ausstellung gibt es dafür zum Beispiel Regale, die durchaus noch voller werden dürfen. An Mitmach-Stationen in der Ausstellung und bei den Erinnerungscafés im Begleitprogramm kann jede und jeder seine ganz eigene Einkaufsgeschichte eintragen oder ein Foto, einen Einkaufszettel oder ein kleines Erinnerungsstück hinterlassen. So soll die Ausstellung während der Laufzeit zu einem lebendigen Mosaik der lokalen Einkaufslandschaft werden. Museumsleiter Carl Philipp Nies dankte allen Leihgeber und Schenkungen, ohne diese sei die Ausstellung gar nicht möglich gewesen.
Der erste Supermarkt, das Einkaufszentrum (EZ), eröffnete am 18. Oktober 1968 auf anfangs 1800 Quadratmetern Verkaufsfläche an der Beverstraße. Nur fünf Tage später zog der lokale Einzelhandel nach, das Kaufhaus Schünemann startete seinen S-Markt im früheren Geschäft der Familie Barmeyer gegenüber vom Kaufhaus in der Altendorfer Straße/Ecke Neue Straße. Natürlich wird auch die Ansiedlung der Firma Marktkauf und deren im Innenstadthandel umstrittener Umzug ans Altendorfer Tor 1983 zum Ausstellungsthema.
Auch die Bedeutung lokaler Leistungsschauen wie der „Einbecker Woche“ (1948 und 1950), der Gewerbeschau „Zwischen Harz und Weser“ 1967 auf dem Tummelplatz oder der Einbecker Frühjahrsmessen im Schulzentrum am Hubeweg wird thematisiert. Ein besonderer Schwerpunkt widmet sich dem Warenhaus Schünemann, das vom Haushaltswarengeschäft zum modernen Einkaufshaus mit Rolltreppe und eigenem Restaurant und Parkhaus wurde. Dort konnte Ende der 1960-er Jahre auf vier Etagen und 2000 Quadratmetern eingekauft werden, Modenschauen gehörten schon früh zum Erlebnis bei Schünemann – bis zum heutigen Tage im Modehaus an der Altendorfer Straße. Auch die Anfänge von Carl Schünemann sind zu sehen, der einst Mitarbeiter von Versandhauskönig August Stukenbrok war.
Die Ausstellung zeigt außerdem, wie der Strukturwandel im ländlichen Raum zum Verlust von Einkaufsmöglichkeiten führte – und wie mit kreativen Ideen wie Dorfläden, Hofverkauf oder Verkaufsautomaten eine Antwort darauf gesucht wird.
Neben Alltagsobjekten, historischen Fotografien und Reklame lädt ein eigener Bereich zu einer Entdeckungsreise in die Welt der Kinderkaufläden ein: Wie wurde Einkaufen zum Spiel? Welche Werte und Rollenbilder wurden vermittelt? In zwei liebevoll eingerichteten Kinderkaufläden können Kinder ab 4 Jahren unter Aufsicht ihrer Eltern selbst das Rollenspiel im Verkaufsgespräch zwischen Bedienung und Kundschaft erfahren. Außerdem warten Spielmöglichkeiten, eine Tonie-Box und eine Lese-Ecke zum Thema Einkauf.
Die Sonderausstellung ist bis 26. Oktober 2025 zu sehen während der Öffnungszeiten des Stadtmuseums (Dienstag bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr). Im Verlauf sind mehrere Veranstaltungen wie Erzählcafés geplant. www.stadtmuseum-einbeck.de
