Ein Abend über Krieg und Frieden aus theologischer und ethischer Sicht, mehr als 1000 Tage nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine – das hat ein Vortrag von Prof. Wolfgang Huber mit anschließender Diskussion rund 150 Zuhörern in der Multifunktionshalle Einbeck geboten. Wie mit Russland umzugehen sei, darauf habe auch er keine überzeugenden Antworten, räumte der Theologe und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands ein. Hilfreich sei allerdings stets, miteinander zu reden – selbst wenn man mit einem verbrecherischen Krieg konfrontiert sei. Man müsse den Mut behalten, mit Putin reden und dürfe „nicht der Sprachlosigkeit das Feld überlassen“, sagte Huber.

Wolfgang Huber gilt als einer der profiliertesten Theologen in Deutschland. Der heute 82-Jährige war von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Für sein gesellschaftliches Engagement hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Dr. Henning von der Ohe hatte bereits bei der Begrüßung für die Veranstalter gesagt, den drängenden Fragen zum Krieg in der Ukraine könne man sich in Antworten nur nähern. Er hoffte, dass alle Zuhörer aus der engagierten, knapp zweistündigen Diskussion etwas Anregendes mit nach Hause nehmen könnten.
„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“, als Grundsatz 1948 vom Ökumenischen Rat der Kirchen formuliert, gelte auch heute. „Das darf man nicht nur postulieren, man muss auch Beiträge dazu leisten, dass er nicht stattfindet.“ Notwendig seien unterschiedliche Positionen: neben der militärischen Verteidigung mit Gegengewalt auch Wege der Gewaltlosigkeit zu gehen, beispielsweise Sanktionen. Ziel müsse sein, die Gewalt durch das Recht zu überwinden, sagte Prof. Wolfgang Huber. Einem Verteidigungsbündnis anzugehören bedeute, sich gemeinsam über das Ausmaß der für die Verteidigung notwendigen Mittel zu verständigen.
Nach 1945 habe sich die Staatengemeinschaft an Gewaltfreiheit gebunden. „Dieses Erbe müssen wir ernstnehmen, auch in den schwierigen Zeiten, die wir gegenwärtig erleben“, sagte Huber. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ziele darauf, mit militärischer Gewalt die Selbstständigkeit und Integrität der Ukraine außer Kraft zu setzen und eine demokratisch gewählte Regierung zu beseitigen. Nach einer solchen rechtswidrigen Handlung habe in erster Linie die Staatengemeinschaft die Aufgabe, den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren und wiederherzustellen. Die Charta der Vereinten Nation kenne ein naturgegebenes Recht zur individuellen wie zur kollektiven Selbstverteidigung.
„Auch in gewaltsamen Konflikten hat die Gewaltfreiheit den Vorrang vor der Gewalt“, sagte Huber. „In jedem Fall muss man sich verpflichtet wissen, Möglichkeiten zu erkunden, die nicht in den Strudel von militärischer Gewalt und Gegengewalt geraten.“ Unabhängig davon seien Notwehr und Nothilfe ethisch und rechtlich anerkannt, sich oder einen anderen mit dem äußersten Mittel der Gewalt zu retten. Das Sicherheitsgefühl in Deutschland beispielsweise lebe ja auch von dem Bewusstsein, dass die Polizei im äußerst Fall Gewalt anwenden dürfe, verdeutlichte Huber. Widerstand gegen Rechts- und Verfassungsbruch dürfe im äußersten Fall auch Gewalt einschließen, erklärte der Theologe.
„Die nötigen Maßnahmen gegenüber der russischen Aggression müssen sich mit klaren Signalen dafür verbinden, dass Aufrüstung kein Selbstzweck werden darf“, meinte der 82-Jährige. Suggestive Formeln („Wir müssen Krieg führen können, um keinen Krieg führen zu müssen“), Deutschland müsse während des Ukrainekrieges „kriegstüchtig“ werden, wie es einige nennten, müssten in einer Demokratie immer auch kontrovers diskutiert werden, forderte Huber. „In erster Linie muss es nach meiner Auffassung darum gehen, Menschenleben zu retten, dazu gehört auch die Unterstützung für Flüchtlinge.“
Es gehe nicht allein darum, die Ukraine militärisch zu unterstützen, sondern ihr auch politisch, humanitär und wirtschaftlich beizustehen. „Denn auf die Notsituation können wir nicht nur so reagieren, dass wir Flüchtlinge in unserem Land aufnehmen“, sagte Huber. „Wir müssen auch dazu beitragen, dass Menschen in der Ukraine menschenwürdig leben können.“ Er habe sich in den 1990-er Jahren während des Krieges auf dem Balkan um Jugendliche gekümmert, damit diese eine Berufsausbildung erhalten, die sie eines Tages positiv wieder in ihrem eigenen Land nutzen können. „In meinen Augen ist das die Art von Betrachtung, die wir im Augenblick auch im Blick auf das Flüchtlingsproblem aus der Ukraine in den Vordergrund rücken sollten.“
Beobachter sehen laut Huber im kommenden Winter die härteste Prüfung humanitärer Aktionen bevorstehen. Es werde erneut die Zahl der Menschen wachsen, die in der Ukraine Unterstützung benötige als auch die Zahl der Zuflucht suchenden. „Es ist eine gemeinsame Herausforderung, den Neigungen zur Polarisierung nicht nachzugeben.“ Natürlich sei die Leistungskraft keines Landes unbegrenzt, mehrfach habe Deutschland bewiesen, dass es einen wirksamen Beitrag leisten könne, Menschen in Not beizustehen. „Weil wir das erfahren haben, wehre ich mich vehement dagegen, dass es so viele Menschen gibt, die das kleinreden, nur um selbst sagen können, dass es nicht geht.“ Er hoffe, dass viele Menschen beitragen, dass „diese mehr und mehr vergiftete Debatte an den Rand gedrängt wird und eine Debatte der Vernunft und der Nächstenliebe an deren Stelle tritt.“ Es würden mehr Demokraten, wenn diese im unmittelbaren Umfeld aktiv und andere anstiften würden und auch Abtrünnige einbeziehen wollten.
Zu einer Demokratie gehöre es, unterschiedliche Auffassungen wahrzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. „Doch gerade in ernsten Zeiten sind alle zu besonders verantwortungsbewusstem Reden verpflichtet, auch und gerade bei unterschiedlichen Auffassungen in solchen wichtigen Fragen.“ Huber appelliert an die Menschen, sich gegenseitig darin zu bestärken, trotz allem mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen und miteinander über diese Fragen zu reden.

Veranstalter des Abends waren die St.-Alexandri-Stiftung und die Bürgerstiftung Einbeck, die statt Eintritt zu Spenden aufriefen, die der Seelsorge am Einbecker Bürgerspital zugute kommen. Diese Unterstützung liegt beiden Stiftungen seit Jahren am Herzen. Zusammen mit anderen Unterstützern sorgen sie dafür, eine professionell besetzte Teilzeitstelle zu finanzieren, über die Menschen in einer schwierigen Lebenssituation Beistand geleistet werden kann.

