Archäologie am Deinerlindenweg: Von Badehaus-Fundamenten bis zum Urnenfeld

Überreste aus verschiedenen Epochen haben Archäologen bei ihren Grabungen am Deinerlindenweg in Einbeck freigelegt. Die ungewöhnliche Bandbreite reicht dabei von der Steinzeit bis zum 19. Jahrhundert. Zum Vorschein kam erstmals in Einbeck ein Urnengräberfeld mit bislang insgesamt 19 gefundenen Bestattungen aus der älteren römischen Kaiserzeit (2. Jahrhundert), mehrere Keramik-Urnen waren dabei nahezu unversehrt, zeigte Grabungsleiterin Sarah Enders. Außerdem stießen die Archäologen auf Fundamente der wohl ältesten Einbecker Badeanstalt am Mühlenkanal auf der „Insel“. Dazu hat Stadtarchäologe Markus Wehmer inzwischen auch einige geschichtliche Hintergründe recherchiert.

Grabungen am Deinerlindenweg: Archäologie-Grabungsleiterin Sarah Enders an einer Urne aus der älteren römischen Kaiserzeit. Foto: Frank Bertram

Bis Ende August wird auf dem rund 10.000 Quadratmeter großen Areal am Deinerlindenweg von der Firma Arcontor Projekt GmbH (Cremlingen) noch gegraben. Bis zu acht Mitarbeiter, darunter Archäologen, Grabungstechniker und Zeichner, sind bereits seit Anfang Juni auf dem Gelände aktiv, das künftig Baugebiet werden soll. Bis vor wenigen Monaten standen auf einem Teil der Fläche noch Gebäude der Stadtgärtnerei und das ehemalige Schwesternwohnheim des einstigen Krankenhauses (heute Seniorenheim). Dort stand auch jahrzehntelang das mittlerweile versteigerte Marktkirchen-Modell.

Herausragend, weil in Einbeck in dieser Form bislang noch nie gefunden, ist ein Gräberfeld von 19 Bestattungen aus dem 2. Jahrhundert, alle in Keramik-Urnen beigesetzt. Einige der Urnen sind im guten Zustand und werden geborgen, um sie weiter wissenschaftlich zu untersuchen. Die Asche und Knochenreste der auf Scheiterhaufen verbrannten Menschen hat man damals sowohl in die Urne als auch rund um die Urne gestreut, berichtet Stadtarchäologe Markus Wehmer. Mit „Hexen“ hätten diese Scheiterhaufen übrigens nichts zu tun, betont er. Keramik-Funde konnten auch aus der Steinzeit geborgen werden, aus der so genannten Michelsberger Kultur (3800 v. Chr. ). Leider habe man keine Tierknochen entdecken können, denn diese Kultur zeichnete sich durch Rinderhaltung aus statt durch Ackerbau. Datiert haben die Archäologen diese Funde durch Keramiken.

Dort (schwarzer Pfeil) standen die Gebäude, dessen Grundmauern jetzt entdeckt wurden. Auf einem Stadtplan von 1873. Abbildung: Stadtarchiv Einbeck

Für Archäologen geradezu eine gegenwärtige Zeit war die Freilegung von Grundmauern der wahrscheinlich ersten Einbecker Badeanstalt. Auf der „Insel“, wie dieser Bereich hinter der Deinerlinde zwischen Krummen Wasser und Mühlenkanal genannt wird, gab es im 19. Jahrhundert Carl Bolles Badeanstalt. Dort konnten die Einbecker in einer Zeit, in der noch niemand zuhause ein eigenes Badezimmer und schon gar nicht mit fließendem Wasser hatte, baden. 1878 zur Eröffnung bot Bolle Einzelbäder und Handtücher sogar im Abonnement für 2 Mark pro Jahr. Wahrscheinlich hat ein Steg in den nahen Mühlenkanal geführt. Geöffnet war das Badehaus früh morgens und ab 15 Uhr für Männer, für Damen von 8 bis 12 Uhr. Carl Bolle annoncierte in der Zeitung aber nicht nur seine Badeanstalt, dort gab es in anderen Gebäudeteilen 1885 auch Tanzmusik und eine Gaststätte. Wohl Anfang des 20. Jahrhunderts musste der Betrieb eingestellt werden. Die Gebäude wurden zu städtischen Wohnungen umgebaut, bis in der Folgezeit das Krankenhaus auf der „Insel“ (heute Alloheim) und die Stadtgärtnerei das Gelände nutzten. Wann die Gebäude abgebrochen wurden, ist nicht bekannt, wahrscheinlich in den 1960-er Jahren.

Stadtarchäologe Markus Wehmer zeigt die Fundamente des Badehauses aus dem 19. Jahrhundert auf der „Insel“ unweit des Mühlenkanals. Im Hintergrund Teile des ehemaligen Krankenhauses (heute Alloheim). Foto: Frank Bertram
Auf einem 10.000 Quadratmeter großen Areal graben die Archäologen noch bis Ende August. Foto: Frank Bertram